Nico Schlotterbecks Vertragsverlängerung #EchteKompromisse
Nico Schlotterbeck verlängert beim BVB bis 2031 – mit einer Ausstiegsklausel, die schon in diesem Sommer greift. Verlauf und Ergebnis der Verhandlungen zeigen, was #EchteLiebe im modernen Fußball wirklich bedeutet. Ein Kommentar.
Es war ein langer Prozess. Monatelange Verhandlungen, Gerüchte, Richtigstellungen – und am Ende angeblich ein „aufgezeigter Plan", der Nico Schlotterbeck dazu veranlasste, seinen 2027 auslaufenden Vertrag zu verlängern. Bis 2031. Die Schlagzeile klingt gut. Dann liest man weiter.
Das Fixgehalt steigt auf rund zehn Millionen Euro pro Jahr, ein branchentypisches Handgeld als Bonus zur Unterschrift dürfte ebenfalls fließen. Vor allem aber enthält der neue Vertrag eine Ausstiegsklausel, die bereits in diesem Sommer greift. Ergo: Spielt Schlotterbeck bei der WM eine starke Rolle für die deutsche Nationalmannschaft, ist er weg. Zu einem dieser sogenannten „absoluten Topklubs". Bleibt er auf dem Niveau der aktuellen Saison und das Interesse „besserer" Adressen weiterhin aus? Dann hat er trotzdem bis in alle Ewigkeit ausgesorgt.
Man kann das alles verstehen. Der Verein hat sich abgesichert – gegen den Worst Case, Schlotterbeck 2027 ablösefrei zu verlieren. Das ist wirtschaftlich vernünftig. Und Schlotterbeck hat sich die Option offengehalten, den nächsten Karriereschritt zu gehen. Auch das ist nachvollziehbar. Nur: Wenn das ein „Bekenntnis" ist, wie es die offiziellen Kanäle feiern – dann muss man sich fragen, was das Wort noch wert ist. Irgendwas bleibt dabei auf der Strecke.
Dieses Gefühl wurde nicht zuletzt am Samstagnachmittag deutlich, als von den Tribünen des Westfalenstadions hörbare Pfiffe in Richtung Schlotterbeck kamen. Ein BVB-Spieler, der von BVB-Fans ausgepfiffen wird – das muss man grundsätzlich kritisch sehen. Es ist aber letztlich nur das Ergebnis eines fortschreitenden Prozesses der Entfremdung zwischen Fans und Rasen.
Was Identifikation eigentlich bedeutet
Der BVB hat in den vergangenen Jahren sehr aktiv daran gearbeitet, Schlotterbeck als Identifikationsfigur aufzubauen. Dritter Kapitän. Führungsspieler. Interviews über die besondere Beziehung zum Verein, betonte Verbundenheit, ein vierjähriges Narrativ der Vereinsliebe. Das war kein Zufall, das war Strategie.
Und was für eine. Es begann mit dem üblichen Vokabular eines Neuzugangs. „Ich werde alles für den Verein geben", sagte Schlotterbeck im Sommer 2022 bei Sport1. Brav, aber austauschbar – das sagen sie alle. Dann wurde es persönlicher. Nach dem verlorenen Champions-League-Finale gegen Real Madrid gestand er bei Sport1, die Niederlage mache ihn „immer noch fertig" – sechs Monate später. Bei DAZN forderte er „Siegermentalität" von seinen Mitspielern, als hätte er die Kapitänsbinde schon seit Jahren. Im Januar 2025 sagte er der WAZ: „Ich liebe es, für den Verein zu spielen." Im März: „Der erste Ansprechpartner wird auch der BVB bleiben." Und dann, im Sommer 2024, das Zitat, das der BVB sich wahrscheinlich am liebsten einrahmen würde: „Ich habe mich mit dem BVB so sehr identifiziert, dass ich richtig Lust darauf habe, nun die dritte Saison, und wahrscheinlich auch die vierte und fünfte hier zu spielen. Ich empfinde das als eine gewisse Ehre." Vom braven Neuzugangs-Sprech zur gefühlten Liebeserklärung – in zwei Jahren.
Das alles mag in dem Moment, in dem er es gesagt hat, sogar authentisch gewesen sein. Aber Authentizität und lange erpokerte Ausstiegsklausel passen schlecht zusammen.
Das eigentliche Problem
Genau hier liegt der Kern. Der BVB hat bei Schlotterbeck – mehr als bei jedem anderen Spieler im aktuellen Kader – versucht, eine emotionale Bindung herzustellen. Oder besser: herzureden. Und das Bittere daran ist: Bei Schlotterbeck war die emotionale Bindung an den Verein – oder zumindest das, was danach aussah – noch glaubwürdiger als bei 90 Prozent der restlichen Mannschaft. Der Mann hat vier Jahre lang Dinge gesagt, die zumindest so klangen, als würde er sie meinen. Wenn selbst das am Ende in einer unmittelbar gültigen Ausstiegsklausel mündet – was sagt das über den Rest? Das ist ein Problem, wenn du #EchteLiebe verkaufen willst. Carsten Cramer, damals noch Marketingchef, heute Sprecher der Geschäftsführung, hat den Slogan einmal als „DNA des Vereins" bezeichnet – „keine beliebige Kampagne". Neven Subotić, der den Verein weniger diplomatisch betrachtet als die meisten, sagte im „Doppelpass": „Wenn man schon den Slogan ‚Echte Liebe' trägt, dann ist es schwer, wenn es immer wieder Beispiele gibt, die das nicht belegen, sondern das Gegenteil belegen." Er sprach damals über den Umgang des Vereins mit ihm selbst – auch so ein Fall von #EchteLiebe mit Verfallsdatum. Das Muster ist das gleiche.
Wenn man schon den Slogan ‚Echte Liebe' trägt, dann ist es schwer, wenn es immer wieder Beispiele gibt, die das nicht belegen, sondern das Gegenteil belegen.
Die Stille im Westfalenstadion
Wenn Identifikation zur PR-Maßnahme wird, merken die Leute das – nicht unbedingt sofort oder rational, aber sie fühlen es. Die Konsequenzen zeigen sich im Westfalenstadion und in der Stimmung einer Masse, die früher zu den lautesten des Landes gehörte und mittlerweile immer wieder durch Gleichgültigkeit auffällt.
Die strukturelle Entkopplung zwischen Spielern und Verein ist eine der unterschätzten Ursachen für die zunehmend maue Atmosphäre. Und damit sind nicht die paar Hundert gemeint, die in den Fanforen jedes Detail analysieren, oder die aktive Fanszene, die ohnehin ihre eigene Beziehung zum Verein pflegt. Es ist die breite Masse, die spürt, dass das schwarzgelbe Trikot für die meisten, die es tragen, ein Etappenziel ist. Kein Zuhause. Und diese Masse spiegelt es zurück.
Mein Redaktionskollege Jannik schrieb zuletzt, viele Fans fremdeln mit Kovačs Art, Fußball spielen zu lassen. Das spielt sicher eine Rolle. Aber es sitzt tiefer.
Eine ehrliche Bilanz
Schlotterbeck ist kein schlechter Mensch dafür, dass er sich Optionen offen hält. Ricken ist kein schlechter Geschäftsführer dafür, dass er wirtschaftlich denkt. Das System, in dem beide agieren, produziert genau diese Ergebnisse.
Aber vielleicht sollte der BVB – und der Profifußball insgesamt – aufhören, so zu tun, als ob Vertragsabschlüsse mit eingebauten Ausstiegsklauseln und Gehaltserhöhungen Bekenntnisse wären. Das ist kein Bekenntnis. Das ist ein gut verhandelter Kompromiss.
Beides kann gleichzeitig wahr sein: Es war das beste Ergebnis für alle Beteiligten. Und es hat nichts mit „Liebe", sorry, mit #EchteLiebe zu tun.
Das offizielle BVB-Interview zur Verlängerung trägt den Titel „Dafür bin ich hier". Schlotterbeck sagt darin: „Ich habe gesehen, was hier entstehen kann, was für eine Wucht der Verein, das Stadion und die Stadt entfalten können." Ein schöner Satz. Nur wird er auch für den nächsten Arbeitgeber gelten – wenn die Wucht der Ablösesumme und der nächsten Gehaltserhöhung stimmt.