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Der BVB dreht das Spiel Wiedersehen macht späte Freude

22.03.2026, 23:00 Uhr von:  Ida  
Blick auf die Südtribüne, es wehen Fahnen

Hamburg fackelt nicht lange vor dem Tor, dafür umso mehr auf der Tribüne. Am Ende hat es nichts genutzt. Der BVB versprüht einen Hauch 2003 und dreht das Spiel.

Wenn du als international spielender Verein zu Hause gegen eine Mannschaft aus dem Mittelfeld nach 60 Minuten 0:2 zurückliegst und dir denkst: „Heute nicht“, dann ist das ziemlich frustrierend. Wenn du dann nur neun Minuten später das komplette Spiel gedreht hast, dann sind das ganz spezielle Glücksgefühle, die so nur der Fußball schreibt. „BVB dreht schon verloren geglaubtes Spiel“ titelte der Kicker am 31. Oktober 2003. Und vermutlich ging es nicht nur mir gestern so, dass wir uns in der 84. Minute alle einmal knapp 23 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt gefühlt haben – an einen magischen Sonntagabend, an dem keiner mehr mit einem Sieg gerechnet hat. Und dann kamen die fünf Minuten des Jan Kollers und Ewerthon.

Im Laufe der Jahre sammeln sich in der eigenen Fußball-Fan-Vita viele Spiele an. Es gibt so Highlights aus der jüngeren, aber nicht mehr ganz so jungen Vergangenheit wie Nürnberg oder Malaga, die für immer bleiben. Lustigerweise ist auch das Spiel gegen Hamburg aus dem Jahr 2003 besonders präsent in meinem Kopf. Und so wunderte es mich nicht, als gestern mit Bensebainis zweitem (wirklich frechen) Elfmetertor meine Erinnerung ganz spontan eine Parallele zum Spiel vor 23 Jahren zog. Dieses Mal waren es keine fünf, sondern elf Minuten – aber wir wollen uns hier mal nicht in Details verlieren.

Hamburg nach acht Jahren wieder zu Gast

Man sieht einen Schriftzug mit Ultras ihre Freiheit und dahinter blaue Fahnen und eine Reihe Pyrofackeln
HSV Choreo zum Anpfiff

Acht Jahre lang war der einstige Bundesliga-Dino von der Bildfläche der Bundesliga verschwunden und zum ersten Mal wieder zu Gast im wunderschönen Westfalenstadion. Und der mitgereiste schwarz-blaue Mob hatte Bock und war stimmungsvoll unterwegs. Ein breites und ansehnliches Repertoire an Pyro-Shows, Schmähgesängen und Hamburg-Beweihräucherung fegte die gesamten 90 Minuten von der Nordtribüne über das Feld – ich habe schon schlechtere Auswärtssupports erlebt. Und nicht nur auf der Tribüne wurde ordentlich gezündelt, auch vor unserem Tor fackelte man nicht lange. Aber der Reihe nach.

Auf geht’s mit Halbzeit eins

Am Mittelkreis fand sich heute nicht gewohnt das BVB-Wappen wieder, sondern eine riesige 100, die das Jubiläum der Roten Erde zelebrierte. Passend dazu liefen die sonst Schwarzgelben heute im schwarzen Sondertrikot auf. Im Gästeblock wehten zum Anpfiff schwarze und blaue Fahnen, die von einer Reihe Pyrofackeln flankiert wurden. Zumindest auf der Nord dürfte man in den ersten Minuten nicht viel gesehen haben.

Während sich der Abendhimmel in ein hübsches Gelb-Lila-Orange färbte, ging es los. Anstoß HSV. Nach knapp sieben Minuten dann die erste hundertprozentige Chance von Beier und eine erstklassige Handballparade von Heuer Fernandes. Nach einem Ballverlust von Remberg ließ Adeyemi Beier clever den Vortritt und verhinderte so eine Abseitssituation. Letzterer hingegen bugsierte sich durch Hamburgs Abwehrreihe, umkurvte Vuskovic, ehe er in aussichtsreicher Position zum Abschluss kam. Leider hatte auch Heuer Fernandes einen Sahnemoment erwischt. Während das Spiel auf dem Platz ein wenig dahinplätscherte, zelebrierte man sich im Gästeblock pogend durch die Reihen.

In der 19. Minute folgte dann die erste echte Irritation, als man das Gefühl bekam, die Heimmannschaft hätte getroffen. Ein lauter Jubel ertönte aus dem Nichts. Svensson verlor auf der rechten Seite den Ball, welcher in der Mitte bei Otele landete. Im Gegenzug kam Reggiani nicht mehr rechtzeitig, um das 1:0 für die Hamburger zu verhindern. Auch die Beschwerden auf Seiten der heute schwarz-beigen Dortmunder aufgrund eines möglichen Foulspiels fanden kein Gehör. Und Hamburg hatte Blut geleckt. Immer wieder schafften sie es im schnellen Umschaltspiel gefährlich vor unser Tor zu kommen. Dortmund hatte zur Mitte der ersten Hälfte wenig im Griff. So war es wenig überraschend, dass es nach einer Ecke erneut in unserem Kasten klingelte. Der Jubel aus dem Gästeblock konnte jedoch direkt im Keim erstickt werden: abseits.

Königsdörffer ist links zu sehen, er trägt ein weiß-blaues Trikot und spielt den Ball. Schlotterbeck läuft etwas dahinter
Schlotterbeck im Zweikampf mit Königsdörffer

In der 28. Minute dann ein starker Auftritt von Nmecha, der bis in den 16er vorrückte und den Ball in die Mitte brachte. Wenige Sekunden später erklangen wilde Rufe im 16er und Jöllenbeck entschied sofort auf Hand. Aber der Kollege an der Außenlinie wollte lieber den Spielverderber spielen und (korrekterweise) auf Abseits entscheiden. Währenddessen stieg aus dem Hamburger Gästeblock blauer Rauch empor. Aber nicht nur der Schieds- und Linienrichter hatten heute etwas gegen ein Dortmunder Tor – auch die Latte stand einem Treffer von Schlotterbeck im Weg.

Und wieder die Hamburger, die die katastrophale Abwehrleistung der Dortmunder prompt ausnutzen. Zunächst verliert Reggiani unnötig den Ball, dann lässt Kobel einen Schuss in die Mitte abprallen und die daraus resultierende Verteidigung fällt wohl in die Kategorie: stümper- und amateurhaft. 2:0 für Hamburg.

In der 44. Minute dann der erneute Versuch, das Ruder vor der Halbzeit noch in die richtige Richtung zu bewegen: nach einem Zweikampf zwischen Beier und Omari fällt ersterer im 16er zu Boden. Den darauffolgenden Elfmeter schießt „Gottes rechter Fuß“ deutlich links am Tor vorbei. Der nervöse Musik-Controller zuckte einmal zu viel mit dem Finger. Die aufkommende Tormusik konnte aber doch noch rechtzeitig gestoppt werden. Ein wenig Slapstick war das hier schon. Auch in den Reihen des BVB war man ob der Spielsituation wohl etwas dünnhäutig geworden. Zum Ausklang der ersten Halbzeit tauschte Adeyemi noch ein paar Nettigkeiten mit seinem Hamburger Spielkollegen aus und holte sich dafür beleidigt die gelbe Karte ab. Es konnte nur besser werden.

Hinein in Halbzeit zwei

Die zweite Halbzeit ging ähnlich grotesk weiter, wie die erste verlaufen war. Hamburg zündelte wunderschön, die Stadionregie schimpfte und Dickel laberte einfach drüber.
Aber es ging auch mit Torchancen weiter. Erneut war es eine Glanzparade von Heuer Fernandes, die einen Anschluss von Dortmund verhinderte. Ich habe ein Déjà-vu und stelle mich schon mal auf weitere zwei Hamburg-Tore ein. Dortmund versuchte fortan, zurück ins Spiel zu finden, während im Hamburgerblock mal wieder blauer Rauch aufstieg und man die Schals zu stimmungsvollen Choreos hin und her schwenkte.

Der Schiedsrichter steht vor dem Bildschirm und überprüft das Foulspiel
Ihr macht unsern Sport kaputt

Wenn also aus dem Spiel nichts funktionierte, mussten eben die Standards aushelfen.
In der 70. Minute krümmte sich Beier mit schmerzverzerrtem Gesicht im 16er auf dem Boden. Nachdem der Pfiff zunächst ausblieb, rannte Jöllenbeck dann doch zum Fernseher an der Außenlinie und entschied nach kurzem Blick auf die Bilder auf Strafstoß. Ich erwähnte ja was von einem Déjà-vu. Dieses Mal schnappte sich jedoch Bensebaini den Ball. Und blieb cool. Während Heuer Fernandes auf der Linie den Hampelmann mimte, lief Bensebaini energisch an, verlud den Hamburger in die falsche Ecke und ließ den Ball ganz entspannt in die Mitte kullern. Frech.

Plötzlich wurde Hamburg nervös. Denn auf einmal lag der Ball wieder im Hamburger Tor. Nachdem Guirassy mehrfach versuchte, den Ball aus zwei bis drei Metern am Hamburger Keeper vorbeizubringen, landete dieser schließlich bei Silva. Dieser beförderte ihn letztendlich hinter die Torlinie. Bei genauerer Betrachtung des Tores wurde dennoch deutlich: auch Guirassys zweiter Torversuch war vermutlich schon über der Torlinie. Und noch während Silvas Name dreifach ausgerufen wurde, hatte dieser schon fast das nächste Tor wieder auf dem Fuß. Das Stadion war wach. Und der BVB auch. Nach erneutem Dauerdruck wieder lauter Jubel, denn: es folgte Elfmeter Nummer 3. Und die Süd explodierte während Bensebaini erneut cool blieb. Dieses Mal folgte das Déjà-vu, denn ähnlich wie beim ersten Tor, verlud Bensebaini Heuer Fernandes und ließ den Ball abermals über die Torlinie kullern.

Man sieht Heuer Fernandes geschlagen auf dem Boden vor dem Tor. Vor dem Tor werfen Dortmunder Spieler die Arme jubelnd in die Luft.
Jubel nach dem Tor

Hamburg war geschlagen. Dass wir die 2003-Analogie bemühen konnten, lag auch daran, dass sowohl Guirassy (93.) als auch Silva (94.) aus Hamburgs Aufgabe kein Kapital mehr schlagen konnten. Und so endete das Spiel nach 96 Minuten mit einem späten, irgendwie glücklichen, aber am Ende auch nicht unverdienten Sieg.

Im Nachgang

Hamburg hat eine bärenstarke erste Halbzeit gespielt und uns schmerzlich spüren lassen, dass das ein langer Abend werden würde. Vermutlich war es aber auch ihr Pressing aus der ersten Hälfte, welches unsere Führung einleitete. Von Hamburgs Seite war in Halbzeit zwei kaum mehr was zu sehen. Hinzu kamen große Böcke im 16er, die wir dankend angenommen haben.

Ein großes schwarz-gelbes Herz geht an diesem Abend raus an Maxi Beier. Kaum ein Spieler ackert und rennt so viel wie er. Und auch wenn ihm von 100 Aktionen gefühlt 85 Aktionen nicht gelingen, so kann man ihm zu keinem Zeitpunkt sein Engagement absprechen. Letztendlich ist es auch genau dieses Engagement gewesen, das uns die Elfmeter herausgeholt und auf die Siegerstraße befördert hat. Und ich habe ein Herz für Kämpfer.

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