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BVB verliert 0:2 bei Tottenham Hotspur London calling – und niemand geht ran

21.01.2026, 19:40 Uhr von:  Gastautor*in  
Bild aus dem Gästeblock im Tottenham Hotspur Stadion. Von hinten zu sehen ist ein Fan, der seinen Schal in die Luft reckt. Auf dem Platz steht die Mannschaft mit hängenden Gesichtern und verabschiedet sich

Der BVB spielt mal wieder in der britischen Hauptstadt. Die anderthalb Tage in London hatten wenig Höhen, dafür umso mehr Tiefen. Und das nicht nur wegen der schwachen Leistung auf dem Platz. Unser Reise- und Spielbericht.

Zugegeben: Das Los Tottenham Hotspur löst im Fanherz keine sonderlich großen Emotionen aus. 76 Tage nach dem Spiel in Manchester geht es für den BVB schon wieder nach Großbritannien. Das Gute: Das ETA für die Einreise ist noch gültig, und die nettesten Pubs und leckersten Essensläden kennen wir noch von früheren Fahrten. Zuerst nach rechts gucken, wenn man die Straße überquert, funktioniert auch wieder auf Anhieb. Außerdem ist der Besuch im Tottenham Hotspur Stadium für viele ein neuer Stadioneintrag.

Also: Wie war es im und ums Stadion, bei der Anreise und im Pub?

Montag, 19. Januar

15.21 Uhr: Auf dem Handy ploppt eine WhatsApp auf: „Unser ICE fällt aus.“ Och ne, oder? Ein Blick in den DB Navigator: lauter rote Ausrufezeichen. Jo, der ICE 14 von Köln nach Brüssel kommt nicht. Das war’s wohl mit dem Eurostar-Anschluss nach London. Fängt ja gut an. Schnell ins Reisezentrum und einen Zettel abholen, mit dem uns der Chef des Zuges, der eine Stunde später kommt, hoffentlich mitnimmt. Kurz Kaffee, Wartezeit totschlagen.

16.43 Uhr: Auch einige andere Menschen mit schwatzgelben Schals haben den ICE offenbar verpasst, der Bahnsteig ist schon gut gefüllt, als der Thalys einfährt. Aber: Der Zugbegleiter hat einen guten Tag: Wir dürfen mit nach Brüssel.

Eine Flasche Duvel im Zug. Davor liegt ein BVB-Schal.

18.45 Uhr: Ankunft in Brüssel, unser Eurostar steht am Gleis direkt gegenüber, drei Meter vor uns. Uns trennen eine dicke Glaswand und die Einreisebestimmungen ins Vereinigte Königreich. Der Check-in ist bereits geschlossen, in zwei Stunden geht der letzte Eurostar des Tages. Wieder warten. Ab in eine Kneipe. Wat willse machen?

22.23 Uhr (ab hier Ortszeit London): Nach einer Zugfahrt mit Pringles und Handball-EM kommen wir im trockenen (juhu!) London an. Schnell ins Hotel, den Rucksack abschmeißen und ins einzige Restaurant in der Umgebung, das noch geöffnet ist: Pizza it is.

Dienstag, 20. Januar: 

08.00 Uhr: Eigentlich soll der Wecker erst um 9 Uhr klingeln. Ich würde gerne sagen, dass mich die freudige Nervosität des Spieltags nicht mehr einschlafen lässt. In Wirklichkeit knacken die Heizungsrohre im Hotelzimmer so laut, dass wir hellwach sind. Also: Aufstehen! Spieltag!

11.36 Uhr: Nach einem Spaziergang zur Themse gibt es erst mal ein ausgiebiges Frühstück. Nicht das Full English Breakfast, sondern Sandwich und Schokobrötchen in einer dänischen Bäckerei. Zwischen all den schwer beschäftigten Menschen in Anzug und Kleid sieht man vereinzelt Menschen in schwatzgelb und allerhand Aufkleber an Laternen, Brücken, Straßenschildern. Jetzt erst mal auf zur Tower Bridge. Ein bisschen Sightseeing muss ja sein. Schnell ein paar seriöse Bilder in die Familien-WhatsApp-Gruppe – liebe Grüße!

13.32 Uhr: Die Fanbeauftragten verschicken neue Infos rund um Fanmarsch und Einlass: Powerbanks zählen jetzt doch zu den verbotenen Geräten. Wenn sie größer als das Smartphone sind. Kurzer Vergleich: Die Powerbank ist etwas größer. „Wenn sie die wegnehmen, wäre das echt unverhältnismäßig.“ Schauen wir mal, was wird. 

Die Londoner Tower Bridge vor einem wolkenverhangenen Himmel, davor die Themse

16.12 Uhr: Ankunft am Treffpunkt Seven Sisters, Freunde begrüßen, kurz in einen Kiosk, wo uns ein englischer Dortmund-Fan drei Bier bezahlt – thank you very much, wenn du das liest. Eigentlich soll gegen 17 Uhr der Fanmarsch Richtung Stadion losziehen. Aber schnell verbreiten sich die Infos: Die Anreise von Teilen der aktiven Fanszene verzögert sich. Also Beine in die Hand: 40 Minuten dauert der Fußweg zum Stadion, bei dem alles ruhig und unspektakulär verläuft. Vereinzelt ertönen Gesänge, doch bei dem langgezogenen Tross ist das verständlicherweise recht durcheinander. 

17.46 Uhr: Noch bevor die Tore offiziell öffnen, kommen wir am 2019 eröffneten Stadion an. Von außen sieht das schon beeindruckend groß aus, aber erinnert mit all den Lichtern und Aufzügen (!) auch ein wenig an ein überdimensioniertes Einkaufszentrum. Und ab hier beginnt ein Stadionerlebnis, das vielen wahlweise als besonders nervig in Erinnerung bleibt oder schnell in Vergessenheit gerät. Der Einlass läuft fast ab wie am Flughafen: Taschen leeren und ab durch den Metalldetektor, zwei Mal das NFC-Ticket scannen und rein (mit der Powerbank). Fehlen nur noch die Zippbeutel mit kleinen Shampoo-Flaschen, damit sich das Ganze überhaupt nicht mehr nach Fußball anfühlt. Megafone, Trommeln, Fahnen, Doppelhalter müssen draußen bleiben. Das kann ja spaßig werden. Weil Alkohol auch nicht mit in Block darf, gibt es ein schnelles IPA aus der stadioneigenen Brauerei, das von unten in den Becher hinein gezapft wird. Und dann mal den Gästeblock erkunden. Zeit haben wir ja.

Das Tottenham Hotspur Stadion von außen. Es wirkt etwas steril, die Fassade hat viel Licht und Glas. Im Vordergrund zwei berittene Polizeipferde, es regnet. Die Menschen im Umfeld tragen Jacken und Kapuzen.

18.28 Uhr: Auch hier wirkt alles reichlich überdimensioniert: die riesigen Anzeigetafeln, die hohe Tribüne hinter dem Tor auf der Gegenseite. Gleich vor dem Gästeblock laufen die beiden TV-Experten Mats Hummels und Christoph Kramer vorbei. Mats macht Fotos, schüttelt Hände. Kramer ringt sich ein müdes Lächeln ab, als einige BVB-Fans ein Lied anstimmen, das er aus Gladbacher Tagen bestens kennt. Kleiner Tipp: Geht um Steine und eine Elf vom Niederrhein. Die Spannung steigt – und die Hoffnung auch: Tottenham ist 14. in der Premier League, 13 Spieler fehlen verletzt oder gesperrt. Hier kann was gehen. Und wollen wir den Umweg über die Playoffs vermeiden, muss was gehen.

19.45 Uhr: Kurz vor Anstoß betritt nun auch die aktive Fanszene geschlossen den Block. Logistische Probleme bei der Anreise. Kann also losgehen! Der Gästeblock liegt englandtypisch unmittelbar am Spielfeldrand und ist gewissermaßen zweigeteilt: Die Ultragruppen platzieren sich mit drei Vorsängern an der Seitenlinie, weitere Gästefans stehen gewissermaßen schräg gegenüber hinter der Torlinie. Die Bedingungen sind aus Fansicht – sorry – maximal beschissen. Ohne Megafon brüllen die Vorsänger die Lieder nach oben. Wir stehen hinter dem Tor und schnell wird klar: Über beide Tribünen hinweg den Takt zu halten, wird schwer. Aber: Gerade die Klassiker wie der BVB-Wechselgesang sind ordentlich laut und auch das abwechselnde Schalschwingen klappt gut. Ich will das hier schon mal vorwegnehmen: Unter all den widrigen Umständen und bei der Leistung auf dem Platz war das stimmungstechnisch schwer in Ordnung. Respekt an die Vorsänger, das nur mit Stimme und Handgesten so zu koordinieren.

Ein Blick in das leere Tottenham Hotspur Stadion. Es hat eine geschwungene Dachkonstruktion und halbrunde Tribünen. An den Seiten sind dreistöckige Logen. Auf dem Dach eine Hahn-Statue, das Wappenzeichen des Vereins.

20.14 Uhr: Tottenham kommt deutlich besser ins Spiel, ist körperlicher. Dass hier 13 Spieler fehlen, dürfte nur Leuten auffallen, die regelmäßig Premier League schauen. 14. Minute, Ecke Tottenham, die Direktabnahme misslingt, Brandt verliert die Orientierung, der Ball kommt in die Mitte zu Romero, der zwar umgeben von Gegenspielern, aber doch unbedrängt zum Abschluss kommt. 1:0. Na klasse. Auch nach dem Gegentreffer kommt der BVB nicht wirklich ins Spiel. In der 25. Minute dann ein Zweikampf zwischen Svensson und Odobert, der vom Gästeblock aus einigermaßen harmlos aussieht: Svensson berührt den Ball, trifft dann aber den Gegenspieler mit offener Sohle am Bein. Gelbe Karte. Denkste. In riesigen Buchstaben steht auf der Anzeigetafel, dass eine mögliche rote Karte geprüft wird. Ne Zeitlupe wäre auch mal schön. Svensson sieht rot statt gelb und auch in den WhatsApp-Chats mit den Freunden vorm Fernseher herrscht keine Einigkeit: Von „Dunkelrot“ bis „Lächerlich!“ ist alles dabei. Natürlich könnte man jetzt schnell die rote Karte als Bruch im Spiel anführen. Aber zur Wahrheit gehört: Auch mit elf Mann fiel der Mannschaft von Niko Kovac nichts, aber auch gar nichts ein, um Tottenham so richtig gefährlich zu werden.

Blick auf den Gästeblock direkt am Spielfeldrand. Die BVB-Fans halten gelbe Schals in die Höhe.

20.37 Uhr: Mit Sicherheit weiß Dominic Solanke selbst nicht, wie der den rein gemacht hat. Aber ist am Ende auch egal. Wieder eine Hereingabe von rechts, Solanke stochert den Ball an den Innenpfosten, drin. 2:0. Kurzer Schock im Gästeblock, aber schnell setzen die Gesänge wieder ein. Ich würde gerne mehr zum Spiel schreiben, aber es passiert kaum noch etwas Aufregendes. Halbzeit, ab ins Gedränge vor dem Getränkestand. Das bestimmende Thema: die Stimmung der Heimfans. Denn bei Chancen und nach Toren sind die Gesänge und Klatscheinlagen beachtlich laut. Wer aber währenddessen ins Publikum schaut, sieht kaum jemanden energisch klatschen oder lauthals mitgrölen. Geht das hier alles mit rechten Dingen zu? „Die spielen Stimmung vom Band ab“, sind sich manche sicher. Neben dem Gästeblock sind nach den Toren die üblichen Provokationen und Handgesten zu beobachten: Kleine Kinder und Familienväter, die in der Luft masturbieren – großes Kino.

21.03 Uhr: Wir wechseln zur zweiten Hälfte in den Block hinter der Seitenlinie. Um den bestmöglichen Stimmungsvergleich zu haben. Niko Kovacs bringt Can und Ryersson für Guirassy und Brandt. „Häh, zwei Defensive für zwei Offensive?“, denke ich. Aber mit den beiden Neuen kommt zumindest etwas mehr Härte in die Zweikämpfe. Gleich zu Beginn rauscht ein Freistoß von Ryersson links am Tor vorbei. Der BVB hat zwar in der Hälfte der Spurs auch mal längere Zeit den Ball, aber es springt einfach nichts heraus.

Blick aus dem Gästeblock auf das Spielfeld. Die BVB-Fans haben die Arme in der Höhe, vorne animiert ein Vorsänger.

21.23 Uhr: Silva und Chukwuemeka kommen. Ob sie noch was ausrichten können? Nö. Tottenham spielt jetzt wieder besser, zwei Mal hält Kobel stark gegen Xavi und wahrt zumindest die theoretische Chance, hier noch einen Punkt mitzunehmen. Die Mannschaft bäumt sich noch mal etwas auf, aber kommt nur durch Schlotterbecks Kopfball in der 91. Minute zu einer wirklich guten Chance. Und auch wenn wir uns in den Spielberichten zuletzt immer wieder mit der mangelnden Gier, zu wenig Einsatz, zu wenig Kreativität auseinandergesetzt haben, gehört das auch in diesen Text: Der BVB spielt viel zu harmlos. 0,38 expected Goals gegen eine Mannschaft, die tief in der Krise steckt.

Die BVB-Spieler verabschieden sich mit hängenden Köpfen vom Gästeblock, dabei applaudierren sie. Der Rest des Stadions ist leer.

21.53 Uhr: Das war’s. Unter wohlwollendem Applaus der Gästefans trotten die Spieler Richtung Katakomben. Wir rechnen schon mit einer Blocksperre, können dann aber doch einigermaßen zeitig aus dem Stadion. Als wir schon raus sind, rennen noch mal einige Polizisten hastig Richtung Block. Außerhalb des Stadions ist nicht mehr ersichtlich, was passiert. Im Nachgang des Spiels erreicht uns die Nachricht, dass einige Fans nach dem Spiel von der Polizei eingekesselt wurden. Vereinzelt soll es Scharmützel gegeben haben, jedoch waren auch zahlreiche Unbeteiligte von der Maßnahme betroffen. Unser persönliches Lowlight der anderthalb Tage ist sicherlich der 40-minütige Marsch zurück zur U-Bahn-Station Seven Sisters. Es regnet so stark, dass nach zehn Minuten der erste Socken nass ist und ich mich ärgere, wieder nur die Stadion-Sneaker angezogen zu haben. Auf dem Weg in den Londoner Underground rutschen einige auf der klitschnassen Treppe aus, hoffentlich nichts passiert! Noch kurz Abendessen, ab in den letzten Pub, der noch geöffnet hat und um 1.30 Uhr ins Hotelbett zu den knackenden Rohren.

Mittwoch, 21. Januar: 

12.39 Uhr: Nach Brötchen und Flat White am Bahnhof beginnt das Boarding für den Eurostar. Der Zoch kütt. Schauen wir mal, ob 15 Minuten Umstiegszeit in Brüssel reichen … 

Gastautor Dominik

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