BVB und Polizei: Eskalation rund ums Westfalenstadion Am Scheideweg
Wir befinden uns wieder einmal mitten in einer Sicherheitsdebatte – doch diesmal fühlt sich vieles anders an. Über martialische Polizeiaufgebote im Westfalenstadion, Übergriffe auf Gästefans und Ausreiseverbote zu internationalen Spielen. Eine Analyse über den Fußball am Scheideweg.
Über Sicherheitsdebatten
In regelmäßigen Abständen wird im deutschen Fußball eine Sicherheitsdebatte geführt. Wir erinnern uns an Kampagnen wie „Pyrotechnik legalisieren“, die sich gegen die Kriminalisierung von Pyrotechnik richtete; Wir erinnern uns an das Jahr 2012, als die DFL ein Sicherheitskonzept verabschiedete, das bundesweite Proteste unter dem Motto „12:12“ sowie Initiativen wie „Ich fühl mich sicher“ hervorrief. Und wir erinnern uns an die jüngste, im Zusammenhang mit der Innenministerkonferenz Ende 2025 geführte Diskussion über die Sicherheit in deutschen Stadien – und schweigende Kurven.
Gemeinsam ist diesen Debatten nicht nur ihr Gegenstand, sondern vor allem ihr Ablauf. Am Anfang steht regelmäßig eine hysterisch geführte Diskussion über die vermeintliche Unsicherheit des Stadionbesuchs. Es folgen politische Forderungen und Maßnahmenkataloge, die den Eindruck erwecken, ein Fußballstadion sei ein Raum, der nur mit massiver law and order-Politik beherrschbar sei. Erst die geschlossenen Proteste der Fanszenen und eine punktuell differenziertere mediale Betrachtung sorgen anschließend dafür, dass die weitreichendsten Vorhaben am Ende doch nicht umgesetzt werden. Dass die Freiheitsrechte der Stadionbesucher mit jeder dieser Debatten ein Stückchen weiter eingeschränkt werden, gehört jedoch ebenso zur Wahrheit.
Mit jeder neuen Sicherheitsdebatte wächst in den Kurven aber auch die Sorge, dass die freie Auslebung von Fankultur schrittweise an ihre Grenzen gebracht wird. Jede weitere Verschärfung wirft die Frage auf, ob die Rahmenbedingungen für ein aktives Fanleben überhaupt noch gegeben sind.
In der Vergangenheit ließ sich aus den Protestbewegungen und ihren Erfolgen zumindest manchmal ein vorsichtiger Optimismus ziehen. Vor allem schien es, als sei medial die Zeit vorbei, in der die Erzählung vom lebensgefährlichen Stadionbesuch unwidersprochen den öffentlichen Diskurs dominierte. Die Entwicklungen der vergangenen Monate haben diesen Optimismus jedoch nachhaltig erschüttert. Vieles spricht dafür, dass sich die deutsche Fankultur aktuell tatsächlich an einem Scheideweg befindet.
Was zugegebenermaßen ein recht bedrückender Einstieg ist, soll zunächst mit zwei aktuellen Themenkomplexen untermauert werden.
Die aktuelle Situation bei Heimspielen von Borussia Dortmund
Wer in den vergangenen Wochen das Westfalenstadion besucht hat, konnte insbesondere im Stadionumfeld und im Umlauf ein Polizeiaufgebot erleben, das in dieser Form selbst langjährigen Beobachtern ungewöhnlich erscheinen musste. Exemplarisch steht dafür das Heimspiel gegen den 1. FSV Mainz 05 am 13.02.2026. Hier waren behelmte und vermummte Einsatzkräfte nicht nur im Bereich des Nordwest-Eingangs positioniert, sondern begleiteten die aktive Fanszene bis weit in das Stadioninnere hinein. Dort postierten sich die Einsatzkräfte bis zur Treppe, die auf die unterste Ebene vor die Südtribüne führt.
Es ist wohl nicht zu viel spekuliert, dass dieses enorme Aufgebot wenig mit einem brandschatzenden Mainzer Karnevalsmob und noch weniger mit einem besonders angespannten Verhältnis der beiden Fanlager zu tun hatet. Es handelte sich noch nicht einmal um ein Risikospiel. Für ein Spiel ohne besondere sportliche Brisanz und ohne auffällige Konfliktgeschichte zwischen den beteiligten Fanlagern ist ein derartiges Auftreten also erklärungsbedürftig.
Die enorme Polizeipräsenz ist jedoch das Ergebnis einer Zuspitzung, die sich bereits seit Wochen und Monaten aufgebaut hat.
Um die Dinge beim Namen zu nennen: Hintergrund sind vorgeblich Ermittlungen, die im Zusammenhang mit verschiedenen Ereignissen der letzten Zeit wie zum Beispiel einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen Dortmunder und Gelsenkirchener Anhängern am Kölner Hauptbahnhof Ende des vergangenen Jahres stehen, an der rund zwanzig Personen beteiligt gewesen sein sollen.
Seither lässt sich ein wiederkehrendes Einsatzmuster beobachten: Beim An- und Abmarsch der Dortmunder Fanszene kommt es regelmäßig zu Zugriffen von Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten (BFE), die auf rabiate Art und Weise versuchen, mutmaßliche Tatverdächtige aus größeren Personengruppen herauszuziehen und ihre Identität festzustellen.
Nun mag man einwenden, dass die Verfolgung von Straftaten den gesetzlichen Auftrag der Polizei darstellt. Das dürfte auch niemand in Abrede stellen, der an einem ernsthaften Diskurs interessiert ist. Diese Gleichung ist recht banal: Wer bereit ist, sich mit Anhängern anderer Vereine auf die Mappe zu hauen, der wird im Zweifelsfall auch bereit sein, die Konsequenzen dafür zu tragen.
Problematisch wird das aktuelle Verhalten der Einsatzkräfte jedoch, wenn die Maßnahmen nicht nur in keinem Verhältnis zum verfolgten Ziel – nämlich der Identifizierung mutmaßlicher Straftäter – stehen, sondern auch zur Erreichung dieses Ziels völlig ungeeignet sind.
Wenn nämlich das erklärte Ziel die Identifizierung einzelner Tatverdächtiger ist, drängt sich zum Beispiel die Frage auf, welchen Beitrag behelmte und vermummte Einheiten im engen Stadionumlauf zur Zielerreichung leisten sollen. Dass es zahlreiche mildere und zugleich effektivere Mittel gäbe, um einen klar umrissenen Personenkreis zu identifizieren, liegt auf der Hand und benötigt wenig Fantasie.
Stattdessen scheint die gegenwärtige Polizeitaktik darin zu bestehen, im engen Stadionumlauf vermummte und hochgerüstete BFE-Einheiten zu platzieren, um, ja, was eigentlich zu erreichen?
Vor diesem Hintergrund braucht es keine Verschwörungstheorien, um sich diese erkennbar ungeeigneten und nicht verhältnismäßigen Maßnahmen nur mit der bewussten Herbeiführung einer Eskalation erklären zu können. Dass wir keine schlimmen Bilder im Westfalenstadion zu beklagen haben, ist vor allem der Besonnenheit und Weitsicht der Dortmunder Fanszene zu verdanken. Wie solch eine Eskalation im schlimmsten Fall ausgehen kann, zeigt der Blick nach Berlin oder Magdeburg. Niemand möchte verletzte Fans, Einsatzkräfte, oder unbeteiligte Dritte. In Dortmund hat man leider derzeit nicht den Eindruck, dass diese Auffassung von allen Beteiligten geteilt wird.
Eigentlich sollte dieser Artikel einen großen Abschnitt beinhalten, der sich mit der Beantwortung eines Fragenkatalogs beschäftigt, den wir an die Dortmunder Polizei gesendet haben. Dieser Fragenkatalog war dazu bestimmt zu verstehen, was derzeit eigentlich überhaupt das Anliegen der Polizei ist. Wir wollten schlicht nachvollziehen können, was die Polizei mit ihren Maßnahmen bezwecken möchte und vielleicht auch Antworten dafür finden, wie man aus der gegenwärtigen Sackgasse wieder herauskommen könnte. Dass die Polizei Dortmund aber erkennbar nicht bereit ist, ihre derzeitige Einsatztaktik zu erläutern, zeigt die Erklärung der Polizei, die wir hier kommentarlos anhängen. Die ausbleibende inhaltliche Antwort auf einen ausführlichen Fragenkatalog verstärkt den Eindruck einer Kommunikationsverweigerung, die einer Deeskalationsstrategie gänzlich entgegensteht.
Auswärts nach Bergamo
Und dann war da noch Bergamo. Über die Ausreiseverbote, die nach bisherigem Kenntnisstand nach dem Gießkannenprinzip über alles und jeden ausgekippt worden sind, der einen Eintrag in einer polizeilichen Datenbank aufweist (oder wahlweise mit einem SÜDTRIBÜNE DORTMUND-Pulli oder aufgrund mitgeführter Aufkleber als Fußballfan erkennbar war) wurde schon viel geschrieben. Wir möchten uns deshalb auf eine kurze Einordnung beschränken:
Veranlasst wurden die Maßnahmen durch Bundespolizeidirektionen im Rahmen der Grenzkontrollen; ein unmittelbarer Zusammenhang mit der Diskussion rund um die ursprüngliche Einschränkung bei der Ticketvergabe durch italienische Behörden und Atalanta Bergamo besteht nicht. Diese Differenzierung ist notwendig, weil in der öffentlichen Darstellung beide Komplexe häufig vermischt wurden.
Wichtig ist aber, dass wir über einen anderen Zusammenhang sprechen: Nämlich der, dass sich die Maßnahmen der letzten Tage genau in jenes polizeiliche Handeln einfügen, welches wir aktuell in Dortmund wie auch deutschlandweit beobachten können. Denn Ausreiseverbote und Meldeauflagen im Zusammenhang mit Begegnungen deutscher Mannschaft im Ausland sind kein völliges Novum.
Dass die deutsche Polizei mit Namenslisten durch Flughäfen geht, Personen am Gate anspricht, aus Flugzeugen holt oder über europäische Amtshilfeersuchen von den italienischen Kollegen hunderte Kilometer entfernt beim Familienurlaub nachts aus dem Hotelzimmer holen lässt, stellt hingegen eine Qualität dar, die in diesem Ausmaß bislang nicht bekannt war.
Das ist der Zusammenhang, über den wir mit deutlichen Worten sprechen müssen. Auch diese Maßnahmen zielen erkennbar nicht darauf ab, die öffentliche Sicherheit zu schützen. Vielmehr, und das muss in dieser Deutlichkeit gesagt werden, möchte man offensichtlich eine gesamte Fanszene mürbe machen, man möchte einzelne, junge Menschen demütigen, ein Gefühl der ständigen Beobachtung und des jederzeit möglichen Zugriffs suggerieren und nicht zuletzt: Man möchte eine Reaktion provozieren, die als Rechtfertigung für noch härtere Maßnahmen dienen kann.
Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass wir auch mehrere Bundespolizeidirektionen angeschrieben haben. Wir wollten auch hier ergründen, auf welcher Basis diese in dieser Qualität bisher so nicht bekannten Maßnahmen ergangen sind und welches Ziel damit verfolgt werden soll. Jedoch sprechen auch hier die nahezu deckungsgleichen (Nicht-)Antworten für sich.
SÜDTRIBÜNE DORTMUND hat bereits angekündigt, neben mehreren erfolgreich verwaltungsgerichtlich angefochtenen Maßnahmen auch weitere Fälle einer umfassenden Kontrolle durch die Verwaltungsgerichte zuzuführen.
Quo Vadis?
Wenn eingangs von einem Scheideweg die Rede ist, dann soll dies ausdrücklich nicht so verstanden werden, als müsse man schicksalsergeben einen Pfad beschreiten, der das Ende der von uns so geschätzten Fankultur bedeuten könnte. Letztlich soll diese Mahnung eher als Appell dienen.
Denn gerade weil wir an einem Scheideweg stehen, liegt die Verantwortung bei allen Akteuren.
Die Politik muss sich daran erinnern, dass Sicherheit kein Selbstzweck ist. Wer immer neue Eingriffsbefugnisse fordert, ohne deren Wirksamkeit, Verhältnismäßigkeit und Nebenfolgen kritisch zu hinterfragen, trägt dazu bei, dass das Stadion zu einem Raum verkommt, in dem Grundrechte nur noch unter Vorbehalt gelten. Sicherheitspolitik im Fußball darf kein Feld symbolischer Gesetzgebung sein – sie braucht Fakten, Evaluation und den Mut, auch einmal nicht die härteste Maßnahme zu wählen.
Die Polizeibehörden sind aufgerufen, ihr Handeln transparent zu machen und sich nicht als Partei eines Konflikts zu begreifen, sondern als Institution, die zuallererst ihr Tätigwerden im Rahmen des rechtlich Zulässigen erklärbar machen muss. Taktiken, die weder von den Betroffenen noch von den Vereinen und der Öffentlichkeit nachvollzogen werden können, zerstören Vertrauen – und ohne Vertrauen gibt es keine dauerhafte Deeskalation.
Vereine und Verbände dürfen sich ihrer Rolle als Vermittler nicht entziehen. Sie sind in dieser Gemengelage nicht bloß Spielveranstalter. Wenn sie zulassen, dass ihre Stadien zum reinen Sicherheitsproblem erklärt werden, verlieren sie einen Teil ihrer eigenen Identität. Ihre Aufgabe ist es, die Interessen ihrer Fans gegenüber Politik und Behörden selbstbewusst zu vertreten.
Die aktive Fanszenen stehen ebenso in der Verantwortung. Gerade die Besonnenheit, die in den vergangenen Wochen und Monaten Schlimmeres verhindert hat, ist kein Zeichen von Resignation, sondern von Stärke. Wer Fankultur erhalten will, muss sie in manchen Situationen so leben, dass sie gesellschaftlich vermittelbar bleibt – laut, kritisch, unbequem, rebellisch, aber nicht selbstzerstörerisch.
Die Medien schließlich sollten sich ihrer enormen Deutungsmacht bewusst sein. Differenzierte Berichterstattung statt reflexhafter Skandalisierung entscheidet mit darüber, ob Fußballfans als Teil der Zivilgesellschaft oder als reines Sicherheitsrisiko wahrgenommen werden. Wer komplexe Entwicklungen auf Schlagzeilen reduziert, trägt zur Eskalationsspirale bei.
Am Ende geht es um nicht weniger als um die Frage, wie wir den Fußball in diesem Land verstehen: als durchreglementiertes Event unter permanenter Kontrolle – oder als sozialen Raum, in dem Emotionen, Gemeinschaft und Freiheit ihren Platz haben.
Vielleicht, hoffentlich, ist dieser Weg offen.
Damit er nicht in eine Richtung führt, die niemand ernsthaft wollen kann, braucht es jedoch jetzt den Willen zur Verhältnismäßigkeit.
Nachtrag: Das Heimspiel gegen den FC Bayern München
Nachdem diese Zeilen mit einem kleinen Hoffnungsschimmer enden sollten und weiter oben noch die Rede davon war, dass wir im Westfalenstadion bislang noch keine schlimmen Bilder zu beklagen hatten, hat uns die Wirklichkeit am vergangenen Samstag mit erschreckender Wucht eingeholt. Der Versuch einiger ticketloser Bayernfans, sich widerrechtlich Zutritt zum Stadion zu verschaffen, mündete in eine Gewalteskalation, deren Berichte und Videoaufnahmen nur schwer erträglich sind. Die Südkurve München spricht von dutzenden verletzten Fans, von Knochenbrüchen, Gesichtsverletzungen und Verletzten durch Pfefferspray.
Die Polizei Dortmund reagierte auf die Vorwürfe massiver Polizeigewalt mit einer eigens hierfür veröffentlichten Pressemitteilung, die sie als „eindeutige Stellungnahme zu den Vorwürfen aus der Fanszene, unverhältnismäßig gehandelt zu haben“ versteht. Doch was eindeutig sein sollte, wirkt vor allem eindeutig leer. Die Stellungnahme, halten wir es knapp, enthält nicht einmal einen Halbsatz, der sich mit den Vorwürfen der Gästefans auseinandersetzt.
In zwei Wochen steht das nächste Heimspiel im Westfalenstadion an.
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