Borussia Dortmund und Niko Kovač „Kovačball“? Warum nicht?
Sportlich ist der BVB auf Kurs, eine der punktemäßig besten Bundesligasaisons aller Zeiten zu spielen. Und trotzdem herrscht rund um das Westfalenstadion nicht ungetrübte Zufriedenheit. Viele Fans fremdeln mit Kovač Art, Fußball spielen zu lassen. Vielleicht gerade das, was wir brauchen.
Seit über einem Jahr ist Niko Kovač jetzt Trainer bei unserem BVB und man kann mit Fug und Recht sagen, dass er in dieser Zeit das fußballerische Gesicht der Borussia stilbildend geprägt hat. Und zwar so sehr, dass von „Kovačball“ die Rede ist. Zumindest in der freundlichen Version – deutlich abwertender klingt da „Terrorball“. Der reine Blick aufs Zahlenmaterial lässt einen dabei ein wenig ratlos zurück, weil die Bundesligabilanz eigentlich überragend gut ist. Wie ist der „Kovačball“ also einzuordnen?
Seit über einem Jahr hat es mittlerweile keine andere Bundesligamannschaft außer dem FC Bayern München geschafft, den BVB im Ligabetrieb zu schlagen. Mit 64 Punkten ist man bereits nach 28 Spielen dem Tabellendritten VfB Stuttgart um 11 Punkte enteilt und ein Verpassen der Champions League-Plätze nicht einmal eine blasse, theoretische Gefahr. Wir haben die zweitmeisten Tore der Liga geschossen und ebenfalls die zweitbeste Abwehr der Liga. Gregor Kobel hat in 13 Spielen kein Gegentor kassiert – das sind überragende 46 % aller Ligaspiele. Selbst Branchenprimus Bayern kann hier keinen besseren Wert vorweisen. Halten wir den Punkteschnitt, würden wir am Saisonende mit 78 Punkten nur ganz knapp unter unserem Allzeitrekord unter Jürgen Klopp landen. Nur eine durch und durch starke und konzentrierte Spielzeit des Branchenprimus aus München verhindert, dass wir uns in einem wirklichen Meisterschaftskampf befinden. Hätten wir nicht beide direkten Duelle verloren, würde vielleicht sogar wirklich etwas in Richtung Meisterschale gehen.
Das Stuttgartspiel kommt viel zu schlecht weg
Und trotzdem ist der Unmut in und über Dortmund groß – selbst wenn man 2:0 auswärts gegen den nächsten Tabellennachbarn gewinnt, gegen den man sich in der Vergangenheit immer schwergetan hat. Das ZDF Sportstudio sah drückend überlegene Schwaben und machte es nur an deren mangelnder Chancenauswertung fest, dass sie das Spiel nicht gewinnen konnten. Eine Darstellung, die bei genauem Hinsehen ziemlich überrascht. Dabei ist natürlich unbestritten, dass unser Spiel bei eigenem Ballbesitz sehr schwach war. Das Tor von Adeyemi war der erste, ernsthafte Torschuss – bereits in der 92. Minute. Es folgte noch ein zweiter, der ebenfalls zu einem Tor führte. Natürlich wünscht man sich, dass man über die gesamten 90 Minuten hinweg zumindest gelegentlich Torgefahr ausstrahlt, das wird auch Trainer Kovac nicht anders sehen. Ebenso lässt sich schwerlich abstreiten, dass es sich nicht um die ersten Halbzeiten ohne eine einzige, wirkliche Torchance in dieser Saison gehandelt hat. Obwohl wir, wie oben erwähnt, die zweitmeisten Tore der Liga geschossen haben, sind wir beileibe kein Offensivmonster, gegen das die Gegner in einem dem Auge wohlgefälligen Angriffswirbel untergehen. Wir sind häufig brutal effizient und vor allem eins: defensiv extrem stabil. Die andere Wahrheit aus dem Spiel gegen Stuttgart ist nämlich die, dass wir mit den beiden Torschüssen, die zu Toren geführt haben, auch zwei brandgefährliche Chancen mehr als der VfB hatten.
Selbst der Stuttgarter Stürmer Deniz Undav gab im Aktuellen Sportstudi zu, dass man nach einem Schuss von Angelo Stiller in der ersten Halbzeit eigentlich keine weitere, echte Chance mehr hatte. Und selbst die wäre keine der Marke „muss man machen“ gewesen. Ansonsten hat der BVB schlicht und ergreifend eine seiner besten Defensivleistungen der letzten zehn Jahre bei den Schwaben aufs Parkett gezaubert. Stuttgart hat in der Nachspielzeit einen entscheidenden Fehler gemacht – der BVB keinen. Man war konzentriert, engagiert und hat Stuttgart vor dem Tor keine gefährlichen Räume offengelassen. Ja, eine klasse Defensivleistung ist eher was für Taktikliebhaber und sicherlich kein Augenschmeichler, aber eine Wertung, die fast wichtiger ist als die einer gefälligen Offensivausrichtung. Am Ende kommt man zu dem entscheidenden Punkt: Stuttgart und Leipzig mögen sich häufiger und deutlich ansehnlicher als wir vor das gegnerische Tor kombinieren, stehen aber beide 11 Punkte hinter uns.
Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive Titel
Vielleicht ist das auch unsere einzige Chance, wenn wir wieder zählbaren Erfolg, sprich Titel, holen wollen. In der Offensivwertung werden wir einfach nicht auf die Bayern aufholen können. Kane, Olise, Diaz, das sind über 200 Millionen Euro Ablösesumme. Für uns sind Transfers, die einen zugegebenermaßen derart feinen und technisch guten Fußball ermöglichen, schlichtweg nicht möglich.
Wenn es um die Defensivleistung geht, besteht schon eher die Chance, näher an die Branchengrößen heranzukommen, weil man viel durch Laufarbeit, kluge Staffelung und körperliches Spiel kompensieren kann. Zudem sind die Preisschilder für Defensivspieler immer noch zumindest etwas kleiner als für die offensiven Zaubermäuse. Es gibt mehr als genug Beispiele, die zeigen, dass es möglich ist, so erfolgreich Fußball zu spielen. Inter Mailand unter Mourinho war beim Champions League-Sieg in der Saison 2009/2010 ebenso wenig eine spielerische Augenweide, wie es aktuell der mutmaßlich neue englische Meister aus London ist.
Vermutlich ist es einfach eine individuelle Sichtweise, ob man eher einen Spielstil sehen möchte, mit dem man sich beim Abpfiff gut unterhalten fühlt, oder einen, der ganz pragmatisch auf Erfolg ausgerichtet ist. Beides sind legitime Sichtweisen, zumindest für uns Fans. Niko Kovač hingegen ist bei uns angestellt, um mit der Mannschaft Erfolg zu haben und sein Arbeitsplatz ist der erste, der wackelt, sobald der Erfolg ausbleibt. Nur allzu verständlich, wenn er seine Mannschaft dann so ausrichtet, dass sie das Spiel eher 1:0 gewinnt, als Fußballdeutschland mit einem 4:4 Spektakel zu unterhalten. Insofern ist der negative Unterton, der beim „Kovačball“ mitschwingt, einfach unangebracht. Er erfüllt seinen Job einfach auf die für ihn bestmögliche Art und das zum Vorteil von Borussia Dortmund. Gut möglich, dass er uns dabei in Zukunft so ganz nebenbei auch etwas für den Briefkopf beschert. Und dann nicht trotz, sondern wegen Niko Kovač .