„Torwart ist Fünferraum“ – einer dieser Sätze, mit denen man als Fan am Stammtisch angeben und sich von all denen abheben konnte, die nur mal bei der WM zum Fußball schalten. Wohl gemerkt: konnte. Die Zeiten, in denen der Torwart in seinem direkten Hoheitsbereich geschützter war als ein Robbenbaby und sofort einen Freistoß bekommen hat, wenn ein gegnerischer Angreifer ihn dort nur schief angeguckt hat, sind vorbei. Der Keeper ist im Rechteck vor der Linie genauso ein Spieler wie jeder andere. Nur mit dem Unterschied, dass er den Ball in die Hand nehmen darf. Das klingt grundsätzlich unspektakulär, zeigt langsam aber eine Folge, die das Spiel deutlich beeinflusst.
Erst kürzlich, bei dem 4:0 Heimsieg gegen den FSV Mainz 05, rieben wir uns verwundert die Augen. Drei der vier Tore resultierten aus Standardsituationen, zwei davon nach Eckbällen. Und bei diesen Eckbällen kam das veränderte Regelwerk voll zum Tragen. Bisher war der Torwart in dieser Situation so etwas wie die Dame beim Schach. Durch die Möglichkeit, die Bälle mit der Hand zu fangen oder zu fausten, hat er deutliche Höhenvorteile, zudem ist der Aktionsradius in der Luft mit den Armen deutlich größer als mit dem Kopf. Vor direkten Angriffen geschützt, war er der absolute Herrscher im direkten Torumfeld und konnte viele Bälle abfangen, die nah auf sein Tor gezogen wurden.
Neue Variante durch Regeländerung
Das ändert sich gerade radikal. Beide Eckballtore folgten dem gleichen Schema: der Raum direkt vor dem Tor wird mit Spielern möglichst überladen und sobald der Eckballschütze angezeigt hat, ob er die Ecke eher auf den kurzen, oder auf den langen Pfosten schlägt, versucht sich ein Spieler in den Laufweg des Torwarts zu schieben und blockt ihn ab. Für die verteidigende Mannschaft ist damit die wichtigste Person in dieser Situation aus dem Spiel genommen und wenn der Ball vom Schützen mit genug Schärfe vors Tor geschlagen wird, müssen die Angreifer den Ball „nur noch“ grob in Richtung Tor abfälschen. Die Wahrscheinlichkeit auf einen Torerfolg, der aus einer Ecke resultiert, wird durch diese Variante signifikant erhöht.
Zwar ist es noch zu früh, um anhand von statistischen Werten eine signifikante Erhöhung des Anteils von Toren nach einem Eckball zu ermitteln, aber schon der Umstand, dass man auch bei den übermächtigen Bayern beobachtet, wie man auf einmal den gegnerischen Torwart auf seinem Platz auf der Torlinie festzunageln versucht, ist ein deutliches Indiz dafür, welche Bedeutung man dieser neuen Option zubilligt. Trotz einer Offensive mit Kane, Olise, Diaz und Musiala, die in der Bundesliga qualitativ allen anderen Mannschaften deutlich überlegen ist, verwendet man wertvolle Trainingszeit auf das schnöde Üben eines Eckballs.
Das Spiel wird unästhetischer
Die Frage ist, ob diese Entwicklung dem Fußball wirklich gut tut. Für sich betrachtet, ist diese Art der Torerzielung eine eher unästhetische. Natürlich gibt es im Fußball keine B-Note, aus dem Spiel heraus erzielte Tore zählen nicht doppelt und wenn der Ball, wie gegen Mainz, im Netz zappelt, jubelt man genau so wie nach einem Tor mit einem feinen Doppelpass im Vorfeld. Trotzdem waren Standardsituationen bislang eher das Mittel der fußballerisch Besitzlosen, das Spielkonzept der Schalkes dieser Fußballwelt. Selbst wenn sich der als technisch begabte Spielmacher gekaufte Brasilianer nach seiner Verpflichtung als Grobmotoriker herausgestellt hat, der den Ball weiter stoppt als andere schießen können, bestand immer die Möglichkeit, dass sich eine Abwehrkante in den Eckball werfen und den Ball im Netz unterbringen würde. Für alle anderen war der Eckball der Notnagel bei einem Rückstand in den Schlussminuten. So schwang im „Hinein, hinein“ der Südtribüne bei einem Eckball kurz vor Abpfiff, wenn der Gegner in Front lag, immer mehr Hoffnung als Überzeugung mit.
Nun wird dieses Stilmittel des fußballerischen Präkariats wohl auf Dauer auch von den Vereinen der Oberklasse okkupiert und vermutlich auch in diesem Bereich effizienter genutzt. Die Auswirkungen auf das Spielgeschehen an sich wird man erst in einigen Monaten final beurteilen können. Meine persönliche Meinung ist, dass es keine gute Entwicklung ist, wenn der Anteil von Toren nach einem Eckball und somit die Wichtigkeit von Standardsituationen für den Erfolg steigt. Es heißt nicht umsonst „Fußball spielen“ und die Schönheit des Sports resultiert maßgeblich aus gelungen Kombinationen, Einzelaktionen und einem gemeinsamen Spielverständnis einer Mannschaft. Die Tore nach diesem Eckballschema wirken dagegen eher vulgär und roh. Der Erfolg hängt maßgeblich davon ab, wie gut der Angreifer mit seinem Körper den Weg des Torwarts versperren kann und hat nichts mit dessen Fähigkeiten am Ball zu tun. Im Sinne des Fußballs wäre es wünschenswert, wenn man den alten Zustand wiederherstellen und den Torwart wieder zum uneingeschränkten Herrscher des Fünfmeterraums machen würde.
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