Profifußball und Vereine Fußballprofis sind alle „Söldner“ – ja, was denn sonst?
Fans beklagen immer wieder mangelnde Identifikation der Spieler mit ihren Vereinen und unterstellen ihnen eine Söldnermentalität. Dabei handeln die Spieler doch eigentlich nur genau so, wie man es ihnen beigebracht hat.
Es ist wohl ein ziemlich einmaliger Vorgang, dass ein Spieler, der gerade seinen Vertrag verlängert hat, für diesen Vorgang von den eigenen Fans ausgepfiffen wird. Etliche Fans haben in Nico Schlotterbeck ihren Wunsch nach einem Spieler, für den der Verein mehr bedeutet als nur ein temporärer Arbeitgeber, hineinprojiziert. Dementsprechend enttäuscht fühlten sie sich, als die Nachricht einer Ausstiegsklausel, die bereits noch in diesem Kalenderjahr aktiviert werden kann, die Runde machte. So verständlich diese Enttäuschung ist, so ist sie auch ein Stück weit unfair den Profis der aktuellen Spielergeneration gegenüber. Man erwartet von ihnen eine Loyalität, die ihnen die Vereine seit dem Jugendbereich konsequent ausgetrieben haben. Die Vereine bekommen am Ende den Spielertypus, den sie sich selbst heranzüchten.
Man braucht dabei gar nicht an die ganz großen Schweinereien im Jugendfußball zu denken, bei denen afrikanische Jugendspieler nach Nordeuropa gelockt werden und dort dann gewissenlos nach dem „trial and error“-Prinzip ausgesiebt werden. Eine kleine Hand voll schafft es, der Rest tingelt dann ziemlich auf sich allein gestellt in einem fremden Land über die Dörfer.
Vereine fördern Ellenbogenmentalität
Aber selbst in den seriösen Nachwuchszentren der Profivereine ist der Konkurrenzkampf gnadenlos. Manche Jugendspieler haben eine Vereinsvita vorzuweisen, die jedem Puristen des Ruhrpottfußballs die Haare zu Berge stehen lassen: Von der Jugend von Rot-Weiss Essen in die Knappenschmiede der Blauen, von dort zum BVB und am Ende vielleicht noch zum VfL Bochum. Das ist das Ergebnis eines strikt leistungsorientierten Prozesses, bei dem am Ende einer Saison jeder Junge oder Jugendlicher bewertet wird und eine Prognose erstellt wird, ob er die Chance hat, sich in der nächsten Altersstufe durchzusetzen. Ist das nicht der Fall, so muss er den Verein verlassen. Dass „Identifikation“ dabei kein Ausschlusskriterium ist, zeigen die Fälle von Marco Reus und Kevin Großkreutz. Bei beiden Spielern wird niemand ihre Begeisterung für Borussia Dortmund bereits in Kindertagen in Frage stellen – und trotzdem mussten sie die Jugendmannschaft verlassen und fanden erst in Ahlen die Zeit und Möglichkeit, sich zu entwickeln. Auch Nuri Sahin, von dem es Fotos gibt, wie er als Jugendlicher mit leuchtenden Augen als Balljunge bei den Spielen war, schützte diese Begeisterung nicht davor, bei der ersten Formdelle nach dem Wechsel in den Profibereich zu Feyenoord Rotterdam verliehen zu werden. Dem Vernehmen nach war man am Rheinlanddamm auch nicht abgeneigt, ihn auch dorthin fest zu transferieren. Kann man es ihm dann verdenken, dass er selbst zu Real Madrid gewechselt ist, als sich ihm die Möglichkeit dazu bot?
On top kommt bereits in diesen jungen Jahren die Konkurrenz aus dem Ausland. Bei den Profis trainieren und spielen aktuell mit Reggiani, Inacio und Albert allein drei Spieler aus dem eigenen Nachwuchs mit, die aus Italien, beziehungsweise aus den USA in die Bierstadt gewechselt sind. Ein riesengroßer Schritt für so junge Menschen, der eine große Chance bedeutet, aber auch ein großes Risiko. Dass diese Spieler nach dem erfolgreichen Sprung in den Profikader dann auch weiter ihre „nächsten Schritte“ auf der Karriereleiter gehen wollen, ist nur verständlich.
Intensiver Verdrängungswettbewerb
Für alle geht es um viel. Für die Vereine im Extremfall um die Entwicklung von Assets, die beim Weiterverkauf zweistellige Millioneneinnahmen in die Vereinskasse spülen. Für die Jugendlichen sowohl um ihren Traum vom Profifußball, als auch um viel Geld. Im Falle von Yousouffa Moukoko gibt es die Darstellung seines angeblichen Beraters, dass seine Eltern mit hochdotierten Arbeitsverträgen ausgestattet wurden, um den Spieler an sich zu binden. Zumindest aber geht es auch im Jugendbereich schon um Beträge, die das durchschnittliche Jahreseinkommen der meisten Fans deutlich übersteigen.
Es ist ein intensiver Verdrängungswettbewerb, ein „survival of the fittest“. Die Spieler befinden sich dabei untereinander im Kampf um die Plätze in den Mannschaften und die Vereine belohnen die Sieger dieser Konkurrenzkämpfe mit enorm viel Geld. Die Verlierer ziehen weiter und müssen woanders um eine vielleicht letzte Chance kämpfen.
Wie kann man dann von dieser kleinen Schar von Siegern, die es in den Profifußball geschafft haben, nach diesem Sprung auf einmal Identifikation und Loyalität erwarten, die sie selbst nur im begrenzten Maße erfahren haben? In all den Jahren zuvor haben sie erlebt, dass sie sich durchsetzen und zuerst an sich selbst denken müssen. Genauso, wie die Vereine an sich selbst denken und die Spieler behalten haben, von denen sie sich den größten Nutzen erwarten. Das ist alles sogar verständlich, weil Profifußball kein Breitensport für alle, sondern eine elitäre Veranstaltung ist. Und natürlich können und wollen die Vereine nur den Spielern den Zugang zum Bereich der Spitzengehälter gewähren, bei denen die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, dass sie dafür mit ihren sportlichen Leistungen auch entsprechende Einnahmen generieren.
Nur kann man den Spielern dann schwerlich vorhalten, dass sie anders handeln als Vereinsikonen aus der Vergangenheit, die ihren Club nie verlassen haben und stets dessen Wohl im Sinne hatten. Der Nachwuchsspieler bei Borussia Dortmund wächst fußballerisch fundamental anders auf als z.B. ein Adi Preißler damals. Das ist schade und nimmt dem Fußball viel von seiner Romantik.
Aber nun mal eine Romantik, die die heutige Generation selbst nie erfahren hat.