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Borussia Dortmund sucht einen neuen Sportdirektor Das Ende einer Ära

22.03.2026, 17:55 Uhr von:  Sascha  
Sebastian Kehl im Profil. Er trägt eine dunkelgrüne Kapuzenjacke und neigt den Kopf leicht nach links. Dabei lächelt er. Im Hintergrund ein BVB-Schal

Kaum sind die Feierlichkeiten zur mitreißenden zweiten Halbzeit gegen den HSV verarbeitet, gibt es das nächste große Thema bei unserer Borussia. Direkt am nächsten Vormittag gab man die sofortige Trennung von Sportdirektor Sebastian Kehl bekannt.

Es gibt Tage, da ist man als SG-Schreiber wirklich froh, einen stinknormalen Bürojob zu haben und schreiberisch nur dann in die Tasten hauen zu müssen, wenn man wirklich Lust darauf hat. So kann man dann Samstagabends eine geile Aufholjagd gegen den HSV genießen und den sonnigen Sonntag mit der Familie verbringen. Ein Privileg, das viele Journalisten, die für die verschiedenen Medienhäuser für das Ressort „Borussia Dortmund“ zuständig sind, heute nicht gehabt haben dürften. Zur allgemeinen Überraschung verkündete der BVB die sofortige Trennung von Sportdirektor Sebastian Kehl.

Wobei der generelle Umstand, dass sich die Wege von Borussia Dortmund und Sebastian Kehl trennen, nicht gänzlich überraschend kommt. Schon seit längerer Zeit rauscht es im Blätterwald, dass eine Verlängerung des Arbeitsvertrags mehr als nur auf der Kippe steht und Kehl selbst beim Hamburger Sportverein Interesse geweckt hat. Auch wenn es noch keine Information darüber gibt, wie es bei Kehl jetzt weitergeht, so ist es doch ein merkwürdiger Zufall, dass diese Entscheidung direkt nach dem Gastspiel des Vereins mit der Raute verkündet wurde. Zumindest entsteht der Eindruck, dass man das Spiel nicht noch zusätzlich mit dieser Personalfrage aufladen wollte.

Identifikationsfigur als Spieler

Für Sebastian Kehl endet hiermit eine Ära von 24 Jahren in Dortmund, nur unterbrochen von einer Auszeit nach dem Ende seiner Karriere als Profifußballer. Drei Meisterschaften und ein Pokalsieg als Spieler, dazu ein weiterer Pokalsieg als Sportdirektor – und langjähriger Kapitän. Welch hohen Stellenwert er bei den Fans hatte, zeigt, dass man ihn in den Jahren der Fastinsolvenz mit einem Transparent „Sebastian, bitte bleib und unterschreib“ um eine Vertragsverlängerung nahezu angefleht hat. Eine ziemlich einmalige Sache, die heute fast unvorstellbar ist. Erst recht, wenn es um den Sportdirektor Sebastian Kehl geht – der nie annähernd so unangreifbar war wie der Spieler. Auch wenn er viele finanzielle „Altlasten“ in Sachen Gehaltsstruktur von Vorgänger Michael Zorc übernommen hat, so gelang es ihm nie, eine Mannschaft zusammenzustellen, die Fantasie auf eine Entwicklung weckte. Gute, weil hochpreisige, Verkäufe stehen zwar auf seiner Habenseite, aber der Kader wirkte immer irgendwie nie restlos schlüssig„komponiert und von Jahr zu Jahr biederer. Das zögerliche Handeln in der Personalie Nuri Sahin, verbesserte sein Standing auch nicht gerade.

Banner beim Auswärtsspiel in Frankfurt mit der Aufschrift "Sebastian bitte bleib und unterschreib". Im Vordergrund eine blau-weiße Werbebande mit der Aufschrift "Fraport", im Hintergrund viele BVB-Fahnen

Dennoch hat sich das „Gesamtwerk“ von Sebastian Kehl seinen Platz in der Vereinschronik von Borussia Dortmund mehr als verdient und so ist der Abgang des ehemaligen Mannschaftskapitäns mit einem fetten Dankeschön zu begleiten.

Neuausrichtung des BVB

Wer sein Nachfolger werden wird, beziehungsweise ob es überhaupt einen 1:1-Nachfolger als Sportdirektor geben wird, will der BVB kurzfristig mitteilen. Medienberichten zufolge ging die Initiative zur Trennung final von Geschäftsführer Lars Ricken aus, so dass man es als gesichert betrachten kann, dass man schon eine unterschriftsreife Lösung in der Schublade hat. Bei allen Meriten der Vergangenheit, ist es nur folgerichtig, dass man hier und jetzt einen Schlussstrich zieht. Idealerweise wäre eine Neubesetzung bereits in der Winterpause gewesen, um einen möglichst großen Zeitraum zur Neuausrichtung zu haben, aber immerhin ist diese Entscheidung spät, aber nicht zu spät gefallen. Borussia Dortmund hat aufgrund der sportlich erfolgreichen Saison gerade ein Zeitfenster, in dem man einen Vorteil gegenüber allen direkten Konkurrenten auf dem Transfermarkt hat: die erneute Teilnahme der Champions League ist nur noch theoretisch in Gefahr, so dass man zum einen finanzielle Sicherheit hat und zum anderen potenziellen Neuverpflichtungen eine sichere, sportliche Perspektive bieten kann. Gerade bei der Verpflichtung ablösefreier Spieler wäre das ein enormes Pfund, mit dem man wuchern kann. Vermutlich ist auch das ein Grund, warum man bei Julian Brandt, Niklas Süle, Salih Özcan und Emre Can frühzeitig Nägel mit Köpfen gemacht und eine lange Hängepartie unterbunden hat. Hier wurden Bedarfe frühzeitig festgelegt und größere Gehaltsposten geklärt.

Lars Ricken im Profil. Er trägt einen blauen Pulli und hält in der Hand ein Mikrofon in magenta mit der Aufschrift Telekom. Er hat den Kopf nach links geneigt und lacht. Im Hintergrund unscharf die Südtribüne

Es ist nur sinnvoll, dass der Nachfolger von Sebastian Kehl dann jetzt auch den Kader für die nächste Saison mitgestalten kann, wenn er für das Ergebnis dieser Arbeit in der nächsten Saison auch in der Verantwortung steht. So ist auch sehr wahrscheinlich, dass die oben genannten Spielerpersonalien bereits mit Mister X abgesprochen wurden.

Man hat seit langer Zeit mal wieder das Gefühl, dass der BVB mit einer klaren Strategie Entscheidungen trifft und die Zukunft aktiv gestaltet, statt nur auf Abgänge von Spielern der Qualitätsspitze und die jeweilige Tabellensituation zu reagieren. Mit Nico Kovac hat man dabei einen Trainer, der einen klaren Blick dafür hat, welchen Fußball er mit dem vorhandenen Kader spielen lassen kann und der die notwendige Autorität besitzt, seinen Spielern gegenüber seine Ansprüche und die des Vereins durchzusetzen. Das Potenzial für eine Entwicklung über die bloße Besitzstandverwahrung „Hauptsache Platz zwei bis vier“ scheint gegeben. Hoffentlich täuscht dieser Eindruck nicht.

Ansonsten alles Gute für die Zukunft, Sebastian Kehl, und viel Erfolg für die Zukunft – außer in den Spielen, wenn es gegen den BVB geht. Ein Tag, der hoffentlich für beide Seite die beste Entscheidung gebracht hat. Und sicherlich noch viel Futter für all diejenigen, die beruflich darüber schreiben.

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