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BVB verliert gegen Leverkusen Ein denkwürdiger Nachmittag

12.04.2026, 12:30 Uhr von:  Dominik
Die Südtribüne zeigt eine Choreografie für Davud Mohammed, der am 3. April verstorben ist.
Ruhe in Frieden, Davud.

Auf der einen Seite: eine bewegende Choreografie und respektvolle Stille auf den Rängen. Auf der anderen: viele Pfiffe und eine schwache Leistung auf dem Rasen. Unser Spielbericht zur Partie gegen Leverkusen.

Tja, wie steigt man ein in den Bericht zu einem Spiel, bei dem so viele verschiedene Emotionen aufeinandertreffen? Vielleicht mit einem Disclaimer: Ausführliche taktische Analysen und eine detaillierte Nacherzählung des Spielverlaufs werdet ihr nicht lesen. Dafür war rund um die Partie des BVB gegen Bayer Leverkusen zu viel los. Zu viel Wichtigeres.

Vor der Choreografie erinnerten bereits zahlreiche Transparente an Davud Mohammed.
Vor der Choreografie erinnerten bereits zahlreiche Transparente an Davud Mohammed.

Kurz vor Anpfiff reichen die Fans in den unteren Blöcken der Südtribüne schwarze und weiße Papptafeln von oben nach unten, von links nach rechts. „Braucht noch jemand? Sind alle versorgt?“ Mit Einlaufen der Mannschaften strecken die Fans ihre Tafeln in die Höhe, „Leuchte auf, mein Stern Borussia“ ertönt, eine Fackel geht an. Was für ein emotionaler, was für ein bewegender Moment. Er gebührt Davud Mohammed, der am 3. April verstorben ist. Sein Name prangt auf der Südtribüne. Im Nachruf von Nicolai erfahrt Ihr, was Davud, den langjährigen Mitarbeiter des Fanprojekts, ausmachte. Am Ende dieses Textes findet Ihr detaillierte Informationen rund um einen Trauerabend im Fanprojekt, der am 13. April stattfinden wird. Außerdem einen PayPal-Link, um Davuds Familie zu unterstützen.

Ruhe in Frieden, Davud.

Außerdem erinnern mehrere Transparente auf der Südtribüne an Mehmet Kubaşık, der vor 20 Jahren, am 4. April 2006, von der rechtsextremen Terrorgruppe NSU in seinem Kiosk in der Mallinckrodtstraße 190 kaltblütig ermordet wurde. Gamze Kubaşık, Tochter von Mehmet Kubaşık, ist selbst mit ihrer Familie im Westfalenstadion und erinnert vor dem Spiel am Mikrofon an den Mord an ihrem Vater. Auf den Anzeigetafeln prangt ein Zitat von Mehmet Kubaşık: „Heute spielt Heimat. Heute spielt Dortmund.“ Noch so ein emotionaler Moment. 

Ein Transparent auf der Südtribüne erinnert an Mehmet Kubaşık, der vor 20 Jahren ermordet wurde.
Vor 20 Jahren wurde Mehmet Kubaşık vom NSU ermordet.

Ein weiterer folgt in Halbzeit zwei. Die Südtribüne stellt den Support ein. Im Stadion wird es still und schnell verbreitet sich die Nachricht, dass ein Fan im Stadion reanimiert werden musste und dass die Reanimation auch auf dem Weg ins Krankenhaus noch fortgesetzt werde. Gegen Ende des Spiels gehen die Schals nach oben, die Fans stimmen „You’ll never walk alone“ an. Die Gedanken sind bei dem betroffenen Fan. Wieder mal ein Beweis dafür, wie fein das Gespür der Vorsänger und der aktiven Fanszene in solchen Momenten doch ist.

Es ist eine merkwürdige Stimmung in der zweiten Hälfte. Nicht wegen der absolut nachvollziehbaren Stille. Sondern wegen der Pfiffe und des Geraunes einiger Fans, das jetzt nun viel besser zu vernehmen ist als sonst. Je länger das Spiel dauert, je fahriger die Aktionen werden, desto lauter der Unmut vieler Fans. Nico Schlotterbeck am Ball? Vereinzelte Pfiffe. Serhou Guirassy schießt zehn Meter am Tor vorbei, statt den Ball abzugeben? Viele Pfiffe. Carney Chukwuemeka trabt in aussichtsreicher Position maximal lustlos nach vorne? Kollektives Geraune. Und Pfiffe.

Merkwürdige Stimmungslage

In jeder einzelnen Situation ist der Unmut berechtigt, ja. Und doch fühlt sich das auf der Tribüne reichlich eigenartig an: andächtige Stille, weil ein BVB-Fan um sein Leben kämpft. Aber auch wütende Pfiffe und vereinzelte Beleidigungen gegen eigene Spieler. Was für eine Mischung. Die zweite Halbzeit zieht sich auf den Rängen gefühlt ewig. 

Die Südtribüne ist zu sehen, auf der viele Fans ihre Schals in die Höhe stercken.
In der zweiten Halbzeit wurde es auf der Südtribüne einzig am Ende laut, als die Fans "You'll never walk alone" anstimmten.

Kurz zum Spielverlauf: Der BVB kommt gut rein, steht hinten sicher, ist die erste halbe Stunde die bessere Mannschaft. Die erste Topchance hat Daniel Svensson, dessen Schuss der Leverkusener Badé in der 17. Minute von der Linie köpft. In der 42. Minute will Bensebaini Silva anspielen, der sich allerdings schon vom Ball weggedreht hat. Fehlpass. Sonntagsschuss von Andrich, Torwahrscheinlichkeit zwei Prozent. Leverkusen führt. Aus dem Nichts. Es erinnert alles ein wenig an das Pokalspiel im Dezember: Für ein Duell zwischen zwei Mannschaften wie Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen ist das nicht annähernd so ansehnlich, wie es sein könnte.

Gerade in der zweiten Hälfte plätschert das Spiel dahin. Statt gegen die drohende Heimniederlage anzurennen, fällt dem BVB nichts ein. Gar nichts. Viele Spieler wirken lustlos, gerade im zentralen Mittelfeld merkt man, dass die Ideen des verletzten Felix Nmecha fehlen. Auch die ungewöhnlichen Wechsel – unter anderem Inacio, Kabar, Özcan kommen – bringen nichts. Immerhin: Gregor Kobel hält mehrere Male gut im Eins-gegen-eins. Am Ende gewinnt eine ungefährliche Leverkusener Mannschaft ein Spiel, in dem so viel mehr drin gewesen wäre. Aber das aufgrund all der Umstände heute zurecht in den Hintergrund rückte.

Pfiffe und Schwalben

Noch ein paar Gedanken zu zwei Spielern:

Nico Schlotterbeck ist im Zweikampf mit seinem Leverkusener Gegenspieler zu sehen
Nico Schlotterbeck stand während des gesamten Spiels im Fokus.

Nico Schlotterbeck: Ich bin auf der Tribüne wirklich überrascht, wie laut die Pfiffe sind, als Norbert Dickel den Spieler mit der Nummer 4 bei der Startaufstellung ausruft. Als am Freitag die Kicker-Eilmeldung auf meinem Handy aufpoppt, dass Schlotterbeck verlängert, fühle ich: nichts. Es ist mir in den letzten Wochen egal geworden, ob er bleibt, ob er geht. Und das ist wirklich traurig. Mit dem Hin-und-Her der vergangenen Monate – allen voran mit dem Interview in der Länderspielpause – hat sich Nico Schlotterbeck nicht nur bei mir viel Kredit verspielt. Auch wie der BVB die Vertragsunterschrift verkauft, ist grotesk: Ein Sonderflock für einen Spieler, der dank Ausstiegsklausel schon ab diesem Sommer wechseln könnte? Puh.

Auch wenn das ein wirklich unwürdiger Vertragspoker war, an dessen Ende jetzt sicherlich kein klares Bekenntnis zum BVB steht: Ich persönlich werde Pfiffe gegen eigene Spieler nicht verstehen. Aber: Die Pfiffe entstanden unter dem so frischen Eindruck der Vertragsdetails. Die allermeisten Fans werden sich einfach mehr von Schlotterbeck erhofft haben. Werden gedacht haben, dass er wirklich wieder „einer dieser Spieler“ wäre, mit dem man sich vollends identifiziert. Gut möglich, dass die Pfiffe in den kommenden Spielen schnell verstummen. Erst recht, wenn Schlotterbeck bald wieder mit mehr Aktionen auf sich aufmerksam macht, wie in der 80. Minute, als nach einer typischen Schlotterbeck-Grätsche Applaus aufbrandet.

Im Zweikampf mit Andrich geht Serhou Guirassy zu Boden.
Serhou Guirassy fällt – mal wieder.

Serhou Guirassy: Was war das denn heute schon wieder? Bereits in der vierten Minute bahnte sich an, dass das ein Spiel werden sollte, bei dem Serhou Guirassy nicht durch Leistung, sondern vor allem durch desolate Körpersprache auffallen würde: Mit nach oben gestreckten Armen lässt er sich im Strafraum fallen. Und zwar viel zu plump. Würde er doch einfach mal stehenbleiben, wäre in solchen Momenten so viel mehr drin. Meine Güte. 

Ähnlich auch in der 79. Minute: Guirassy legt sich den Ball schlecht vor und lässt sich wieder fast instinktiv fallen. Auf den Knien richtet er einen hilfesuchenden Blick an Schiedsrichter Deniz Aytekin. Das kann doch nicht sein. Ich verstehe einfach nicht, wie man bei einem Heimspiel, bei dem man die Qualifikation für die Champions League klarmachen kann, so lustlos auftreten kann. Erst recht, wenn diese Kritik an der Körpersprache alles andere als neu ist. Erst recht, wenn er es eigentlich so viel besser kann: So wie in der 83. Minute, als Guirassy aus spitzem Winkel die Latte trifft und deutlich mehr aus dieser Situation macht, als eigentlich drin gewesen wäre.  

***

Informationen zum Trauerabend für Davud Mohammed:

Am 13.04.2026 wird von 17:00 bis 21:00 Uhr ein Trauerabend im Fanprojekt stattfinden. Das Fanprojekt lädt in Rücksprache mit der Familie alle Mitglieder, Fans und Wegbegleiter*innen ein, gemeinsam an Davud Mohammed zu erinnern und Abschied zu nehmen.

Es besteht die Möglichkeit, sich in ein Kondolenzbuch einzutragen.

Spenden und Erlöse des Abends kommen der Familie zugute.

Spenden sind auch vorab über PayPal möglich: https://www.paypal.com/pools/c/9oaJ8WidLq

Hier ist noch mal ein Teil der Choreografie für Davud Mohammed zu sehen

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