Ausreiseverbote für BVB-Fans Chronologie einer nicht nachvollziehbaren Eskalation
Eigentlich könnte es für den BVB heute ein richtig schöner Fußballnachmittag werden: Mit einem 2:0-Erfolg aus dem Hinspiel im Rücken, tritt Borussia Dortmund heute um 21 Uhr in Bergamo an. Doch Vorfreunde kommt rund um die Schwarz-Gelben keine auf. Ein Beitrag von Gastautor Jan.
Im Gegenteil: Streit um die Ticketvergabe und schwerwiegende Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte von mitreisenden BVB-Fans überschatten das Spiel. Mehr noch: Die organisierte Fanszene wird als Konsequenz aus den Ereignissen das heutige Fußballspiel boykottieren. Eine Chronologie.
Unmittelbar nach dem Hinspiel in der letzten Woche wurde bekannt, dass Atalanta Bergamo dem BVB untersagen lassen wollte, das ihm zustehende Ticket-Kontingent an Boruss*innen zu verkaufen, die nicht in Deutschland gemeldet sind. Also internationale BVB-Fans. Zu diesem Zeitpunkt hatte der BVB das von der UEFA gestellte Ticketkontingent (rund 1.300 Karten) aber schon vergeben, die Eintrittskarten waren darüber hinaus auch schon personalisiert. Atalanta Bergamo argumentierte mit Sicherheitsbedenken – ein solches Vorgehen ist Italien übrigens nicht unüblich – auch weil die BVB-Ultras eine Fanfreundschaft mit den Atalanta-Rivalen von Catania Calcio unterhalten.
Dennoch reagierte Borussia Dortmund mehr als erbost auf das Vorgehen der Italiener: „Diese Entscheidung stellt aus unserer Sicht eine nicht hinnehmbare Diskriminierung dar. Sie widerspricht den fundamentalen Prinzipien der UEFA, die eine Benachteiligung von Fußballfans aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit oder Herkunft ausdrücklich untersagen“, hieß es in einem Klub-Statement. Der BVB kündigte an, sich für eine Klärung im Interesse seiner Fans einzusetzen – mit Erfolg: Am Freitagabend teilte der Verein offiziell mit, dass der Ärger um die Ticketvergabe geklärt wurde. Demnach dürfen alle BVB-Fans mit einem gültigen Ticket auch ins Stadion – unabhängig davon, wo sie ihren Wohnsitz haben. „In Bezugnahme auf den Ticketverkaufsprozess für unser anstehendes Champions-League-Auswärtsspiel in Bergamo hat Atalanta Bergamo uns nach Bestätigung der örtlichen Behörden mitgeteilt, dass alle BVB-Fans, die rechtskräftig ein Ticket erworben haben, Zutritt zum Stadion erlangen werden“, so der BVB. Und weiter: „Borussia Dortmund begrüßt diese Entscheidung ausdrücklich, allen BVB-Fans den Stadionbesuch wie gewohnt zu ermöglichen.“
Doch es wird trotzdem nicht allen BVB-Fans der Stadionbesuch wie gewohnt ermöglicht. Denn die Geschichte endet hier noch nicht. So wurde bereits am Wochenende den ersten BVB-Fans die Ausreise durch die Bundespolizei verwehrt, wie die organisierte Fanszene von Borussia Dortmund berichtet. Im Statement der Südtribüne Dortmund heißt es: „Auch wenn diese Untersagungen samt der dazugehörigen Meldeauflagen im Eilverfahren angefochten und in ihrer Vollziehbarkeit ausgesetzt werden konnten, zeichnet sich seit Montag weiterhin ein zweifelhaftes Bild.“ Und weiter: „Unseren Erkenntnissen zufolge fahndet die Bundespolizei insbesondere an deutschen Flughäfen nach bis zu 300 Anhängern, die aus fadenscheinigen Gründen an dem Besuch des morgigen Spiels gehindert werden sollen. Daraus folgte für viele Fans ein regelrechter Spießrutenlauf, der sowohl am Flugsteig als auch im Flugzeug und in ausgiebigen Kontrollen und/oder weiteren Ausreiseverboten samt Meldeauflagen endete. Nach unseren Informationen hat es hierbei sogar gereicht, fanszenetypische Kleidung oder Sticker bei sich zu führen, um in das Visier der Polizei zu geraten. Gegipfelt ist diese ganze Prozedur schließlich darin, dass andere Borussen, die sich bereits in Italien aufhalten, sogar in ihren Unterkünften von der italienischen Polizei aufgesucht worden sind.“ Noch einmal: Gegen diese Maßnahme gingen die Fans juristisch vor – und gewannen bislang jedes der daraus folgenden Verfahren.
Entsprechend wütend ist man auch beim BVB selbst deswegen über dieses Vorgehen. In einem Statement spricht der Verein von „unverhältnismäßigen Maßnahmen“ über die er auch im Vorfeld „nicht informiert“ worden sei. Weiter heißt es: „Bei aller Nachvollziehbarkeit einer sicherheitsorientierten Risikobewertung eines Fußballspiels, ist Borussia Dortmund über die Reichweite und Dimension der ergriffenen polizeilichen Maßnahmen mehr als überrascht. In dieser Form und Intensität hat es derartige Maßnahmen im Zusammenhang mit internationalen Auswärtsspielen von Borussia Dortmund bislang nicht gegeben. Der BVB sucht den Kontakt, um nähere Informationen zu den Hintergründen und zur Rechtsgrundlage der Maßnahmen zu erhalten, die für den Club in keiner Weise nachvollziehbar sind.“ Es ist also ein einzigartiges Vorgehen – aber im absolut negativen Sinne.
Die Fanhilfe Dortmund beobachtet dabei schon seit einiger Zeit eine immer eskalativere Einsatzstrategie der Polizei. Zuletzt waren zum Beispiel die Räume des Fanprojektes Dortmund durchsucht worden. Aber auch bei anderen Vereinen gab es ähnliche Vorfälle: So wurden Fans von Fortuna Düsseldorf einer Straftat bezichtigt, weil sie einen Anti-Nazi-Beutel dabei hatten. Und bei einem Heimspiel von Bayer Leverkusen soll es zudem zu sogenannten Nacktkontrollen gekommen sein.
Fanproteste beim BVB-Heimspiel im Rahmen des DFB-Pokalspiels gegen Bayer Leverkusen. Das eskalativere Polizeivorgehen folgt auf die Fanproteste gegen die Vorstellung mancher Landesinnenminister*innen, Stadionbesuche in Deutschland strenger zu reglementieren. Im Zuge der letzten Innenministerkonferenz wurde konkret hierüber diskutiert: Es sollte sogar schon bei Verdachtsfällen die Möglichkeit geben, ein Stadionverbot auszusprechen. Aus Sicht der Fans das Ende der Unschuldsvermutung. Außerdem sollten Stadionverbote zukünftig an einer zentralen Stelle gespeichert und überwacht werden. Zudem wehrten sich die Fans gegen personalisierte Tickets und eine mögliche KI-gestützte Gesichtserkennung. Eine grundlose Verschärfung des bisherigen Sicherheitskonzeptes und gleichzeitig ein Tabu-Bruch in der deutschen Sicherheitspolitik. Mehr zu den Hintergründen gibt es hier. Und der Fanprotest hatte Erfolg: Nach wochenlangen Stimmungsboykotten und Nachweisen darüber, dass Fußballstadien sichere Orte sind, nahmen die Innenminister*innen die Themen von der Tagesordnung. Bleibt diese Frage: Ist das harte Vorgehen der Polizei auch eine Reaktion darauf, dass sich die Fußballfans zuvor politisch durchsetzen konnten?
Zurück zum heutigen Spiel, das beweist, dass der Sepp-Herberger-Satz, wonach ein Spiel nur 90 Minuten dauert, nicht immer korrekt ist. Denn die Südtribüne Dortmund kündigt an, die Ereignisse rund um das Aufeinandertreffen mit Atalanta auch nach Abpfiff weiter aufarbeiten lassen zu wollen: „Gleichzeitig kündigen wir an, dass wir die genannten Maßnahmen unter Beteiligung der Fanhilfe Dortmund einer umfassenden Kontrolle durch die Verwaltungsgerichte zuführen werden. Aufgrund der bereits erstrittenen Entscheidungen im Eilverfahren, die allesamt zugunsten der betroffenen Fans ausgefallen sind, sind wir zuversichtlich, dass eine derartige Vorgehensweise nicht zur Praxis werden kann.“
Die organisierte Fanszene von Borussia Dortmund hat für das BVB-Spiel in Bergamo trotzdem eine schwere Entscheidung getroffen: Man wird das Spiel geschlossen nicht besuchen. Aus Solidarität zu allen, die mutmaßlich unrechtmäßig, so lassen es zumindest die bisherigen Eilentscheidungen vermuten, an der Ausreise gehindert wurden. Und aus Protest gegen das Vorgehen der Polizei. Bei Borussia Dortmund kann man das verstehen. Im Vereinsstament heißt es: „Der BVB bedauert ausdrücklich, dass ein Teil seiner Fans das Auswärtsspiel in Bergamo durch dieses zweifelhafte Verhalten der Behörden nicht im Stadion verfolgen kann.“ Nicht besuchen kann – diese Entscheidung ist also alternativlos.
Das Playoff-Spiel der Borussen endet heute Abend also maximal sportlich.
Aber entscheidend ist eben nicht immer nur auf dem Platz.
Jahn, 25.02.2026
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