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Der BVB 2022/2023 - Der Versuch einer taktischen Analyse

27.06.2022, 20:51 Uhr von:  Jan
Der BVB 2022/2023 - Der Versuch einer taktischen Analyse

Mit Sebastien Haller hat der BVB das letzte wichtige Puzzlestück verpflichtet. Aber welche Art von Fußball sollte der BVB überhaupt kommende Saison spielen? Wie bindet man Haller, Adeyemi und Malen am Besten ein? Wieso sollten Nico Schlotterbeck und Niklas Süle bestenfalls nicht zusammen in der Viererkette spielen? Und auf was muss man sich in der Liga überhaupt einstellen? Ein Erklärungsansatz und mehrere Lösungen.

Eine funktionierende Mannschaft hat eine Identität. So verbinden wir alle Borussia Dortmund mit “Heavy-Metal-Fussball” in den Klopp-Jahren, aktuell Liverpool für ihr intelligentes Pressing- und Umschaltspiel mit Blick für die Tiefe, Manchester City unter Pep für den genialen Ballbesitzfussball und Atletico Madrid unter Diego Simeone mit “defensiven Mauerfußball”. All das sind Spielphilosophien, welche sich im genaueren Detail über einzelne Prinzipien entwickeln. So möchte Liverpool nach Ballverlust direkt den Ball wieder gewinnen und in die Tiefe spielen. Hier ist das direkte Gegenpressing und schnelle Umschalten Richtung des gegnerischen Tores ein Prinzip.

Am Ende hat jeder Trainer unzählige Prinzipien, welche er nach und nach der Mannschaft an die Hand gibt. Oft sind diese aber nichtmal direkt herauszuarbeiten für Außenstehende. Da das Ganze auch etwas den Rahmen sprengen würde und Edin Terzic hier noch ein stückweit ein unbeschriebenes Blatt ist, beschränken wir uns auf die neue Spielphilosophie. Und diese ist gar nicht mal so leicht zu definieren.

Pressing- und Umschaltfussball im Ballbesitzfussball

Die Überschrift stellt erstmal einen klaren Widerspruch da. Doch genauer betrachtet macht diese Aussage Sinn und stellt den neuen Stil da. Aber erstmal einen Schritt zurück.

Die Verantwortlichen von Borussia Dortmund geben den Spielstil in mehreren Aussagen bereits öffentlich klar vor: So wünschte sich Hans-Joachim Watzke bereits vorletzte Saison in einem öffentlichen Interview wieder “besseren Fußball”, was er genauer mit “aggressiven Fußball” benannte. Gerade mit der Verpflichtung von Marco Rose vergangenen Sommer und den dazugehörigen Transfers ist davon auszugehen, dass der BVB grundsätzlich wieder für ein mutiges, aggressives, Angriffs- und Gegenpressing stehen soll. In Folge dieses Stils gegen den Ball soll es wieder Umschaltmomente geben, in welchen das Stadion mitgenommen und elektrisiert werden kann. Besonders als Underdog funktioniert diese Rolle sehr gut, da man wenig selber den Ball hat und die Anzahl von möglichen Ballgewinnen somit deutlich erhöht ist. Hat man wiederum selbst viel den Ball und der Gegner steht tief, wird man zu deutlich weniger Pressingaktionen kommen. Ein “Problem”, in welchem Jürgen Klopp Liverpool — anfangs eher Underdog — in Rekordzeit auch zu einer starken Ballbesitzmannschaft weiterentwickelte. Eine ähnliche Balance wird auch der BVB unter Edin Terzic hinlegen müssen. Unter Lucien Favre stand man noch für kontrollierten, geduldigen, Ballbesitzfußball, während die eigentliche Zielvorgabe unter Rose das gewünschte intensive Pressing- und Umschaltsspiel sein sollte. Beides klappte bekanntermaßen nicht, aber wie geht es jetzt weiter?

Glücklicherweise ist die Bundesliga eine Liga, wo primär auf Umschaltfußball gesetzt wird. Das kommt nicht von ungefähr. Mannschaften mit kleinerem Etat können sich in der Regel weniger hochwertige Einzelspieler leisten, aber über ein starkes Kollektiv dennoch zu Höchstleistungen auflaufen. Dennoch bleibt “Umschaltfußball” ein weit zu definierbarer Begriff, denn dies muss nicht zwingend bedeuten, dass der BVB in jedem Spiel am eigenen Strafraum aggressiv und hochgepresst wird (hier würde man von einem Angriffspressing sprechen), sondern gerne auch mal erst im Mittelfeld (Mittelfeldpressing) oder rundum den gegnerischen Strafraum (Abwehrpressing). Vielen Vereinen ist das Risiko gegen technisch starke Gegner hoch zu pressen zu grßo, da individuell hochwertige Mannschaften hier das Pressing ohne Probleme einfach überspielen können und so einen einfachen Weg zum Tor haben. Die Kompromisse stellen hier die Anlaufbereiche Mittelfeld oder Abwehr bzw. letztes Drittel da. Geschätzt wird der BVB gegen jede Art gleich oft spielen. Also 1/3 der Saison gegen Angriffspressing, 1/3 Mittelfeldpressing und das Letzte gegen tiefstehende Mannschaften im Abwehrpressing. Was bedeutet das?

Der BVB wird einen Mix aus Pressingresistenz, welche sich in Technik, Ruhe und Spielintelligenz bei einzelnen Spielern äußerst und Tempo und Aggressivität für das Pressing-und Umschalten finden. Zu viele “ruhige Künstler”, wie unter Favre oder zu viele “Laufmaschinen” wie unter Roses gewünschten Ideal würde nicht perfekt funktionieren. Hier wird man eine Mischung finden müssen. Und ganz ehrlich? Ich finde der Kern, der bereits steht, ist hier wirklich ideal.

Die benötigen Spielerprofile

Grundsätzlich braucht der BVB definitiv erstmal eine Sache: Technisch starke und schnelle Innenverteidiger. Sei es zum Überspielen von Pressing oder tiefstehenden Gegnern, aber auch zum Unterbinden von gegnerischen Kontern. Kurz gesagt: Hier hat man mit Nico Schlotterbeck und Niklas Süle die richtigen Spieler verpflichtet. Die Defensivachse steht also.

Innenverteidigung mit Süle & Schlotterbeck
Mögliche Innenverteidigung

Im Mittelfeld braucht es bestenfalls von Allem ein bisschen etwas. Dynamik, Aggressivität, Technik und auch Kreativität. Oder kurz: Zwei bis drei Jude Bellinghams müsst ihr sein. Glücklicherweise hat man mit Mo Dahoud, Salih Özcan und mit Abstrichen Emre Can genau diese Typen bereits im Kader.

Defensives Mittelfeld mit Bellingham, Dahoud, Özcan
Das Mittelfeld

Für die vorderste Linie braucht es vor allem Spieler mit Tempo und technischen Fähigkeiten. Eine gewisse Körperlichkeit und Kreativität bzw. Passspiel wird gegen tief stehende Gegner ebenso benötigt.

Offensive mit Haller, Reus, Gittens, Reyna, Adeyemi, Malen
Die Offensive

Auf den Außen (Außenverteidiger, wie Außenstürmer bzw. Flügelspieler) sind auch hier Grundattribute wie Tempo, Aggressivität und ein schnelles Umschaltverhalten gefordert. Gerade da Außenverteidiger bei viel Pressing auf beiden Seiten viele lange Wege gehen müssen, sind besonders hier Tempo und Ausdauer benötigt. Ein etatmäßiger Flügelspieler braucht neben den angesprochenen Grundattributen ein gutes Passspiel in die Tiefe, Kombinationsverständnis und Technik auf engen Raum.

Und hier gestaltet sich eine Übersicht als schwierig, weil diese Typen im aktuellen Kader entweder komplett fehlen (Flügelspieler, Ausnahme Gittens) oder nicht genug Qualität für die erste Elf haben (Schulz, Passlack, ein stückweit Gittens)

Da es als unwahrscheinlich gilt, dass der BVB hier noch 4–5 Spieler verpflichtet und es sich vom Kader generell anbietet, ist von einer Umstellung auf eine Dreierkette auszugehen. Wie man diese fehlenden Personalien auffängt und mit dem dahingegen Vorhanden das Beste rausholt?

Die Schlüsselspieler in Szene setzen

Um das Beste aus einem Team rauszuholen müssen die stärksten Spieler in Szene gesetzt werden. Sei es vergangene Saison Erling Haaland, oder beim FC Liverpool vor allem Mo Salah oder Sadio Mane. Aber wer sind Dortmund’s Schlüsselspieler überhaupt?

Die Innenverteidigung

Mit Nico Schlotterbeck und Niklas Süle steht die Defensivachse. Auffällig: Beide sind am Besten in einer Dreierkette. Schlotterbeck wegen seines aggressiven Nach-Vorne-Verteidigens und Niclas Süle mit seinem mutigen Andribbeln bis ins Mittelfeld. Natürlich sind beide Spieler gut genug sich an eine Viererkette anzupassen, würden hier auch auf den Erwartungen abliefern, aber mMn nur 80–90% aus ihren Qualitäten rausholen. In einer Dreierkette könnten sie einen größeren Fokus auf ihre Waffen setzen, ohne irgendwo großartig Einbußen machen zu müssen. Zudem würde die Dreierkette dem Personal davor noch deutlich entgegen kommen.

Das Mittelfeld

Hier gibt es eigentlich keinen klaren Schlüsselspieler. Am Ehesten wäre Jude Bellingham hier ein Kandidat, doch dieser ist in seinem Skillset so variabel, dass er in allen Rollen bis auf der, der alleinigen 6, sein komplettes Potenzial auf den Platz bringen kann. Dementsprechend benötigt es einen weiteren Spieler neben Bellingham, welcher bestenfalls eher absichert als aggressiv nach vorne schiebt. In einem Dreiermittelfeld könnte Bellingham wahrscheinlich 100% aus sich rausholen, während in einem Zweiermittelfeld (Doppel 6) “nur” 95%.

Der Angriff

Schlüsselspieler Nummer 1 dürfte hier ab kommender Saison Sebastien Haller sein. Mit seinem starken Spiel mit Rücken zum Tor und Präsenz im gegnerischen Strafraum, aber gleichzeitig auch Defizite im Anlaufen, wäre er am Besten als alleinige Spitze geeignet*. So hat er einen größeren Bewegungsradius in und um den Strafraum. Die Abstände zu den Mitspielern in seinem Rücken sind so ebenso recht kurz und erlauben ihm hiermit diese am besser in Szene setzen zu können.

(Da alleinige Spitzen idR selten 100% durchziehen im Angriffspressing, sondern eher das Spiel lenken und dann der Zugriff erfolgt. Dahingegen im Doppelsturm gegen den Ball idR direkt dieser zugreifen sollen und Dynamik umso wichtiger wird).

Das ergänzt sich perfekt mit den weiteren Schlüsselspieler in Form von Karim Adeyemi und Donyell Malen, welche nicht als alleinige Spitze geeignet sind. Am Besten sind diese durch die Halbspuren, wenn sie in die Tiefe kommen können und zusätzlich so wenig wie möglich Akzente mit ihrem Passspiel setzen müssen. Aber wie kombiniert man das am Besten mit Haller, welcher als alleinige Spitze agieren möchte? Ist das nicht unmöglich? Nicht ganz.

Ganz einfach: Adeyemi und Malen spielen leicht hinter Haller in einen der beiden Halbspuren. Dies wäre auch für Haller perfekt, da die Abstände somit kürzer als bspw. im 4–3–3 sind und ihn trotzdem nicht in seinem Spiel einschränken. Um Malen und Adeyemi’s größte Stärken, den Tiefgang und Abschluss, weiter in Szene zu setzen macht es Sinn diese so nah wie möglich am gegnerischen 16ner in der Struktur zu positionieren. Und dies wird nicht im klassischen 4–3–3 mit breiten Flügelspielern funktionieren. Nicht nur sind hier die Abstände zum Tor größer und längern, sondern fordern Adeyemi und Malen in gewissen Phasen des Spiels auch als Breitengeber auf dem Flügel.

Hierfür brauchen sie eine enge Ballführung, ein Verständnis für Kombinationen und gewisses Passspiel. Das geht beiden etwas ab. Zumal die Wege in die Tiefe idR dann auch von weiter Außen ansetzen lassen würde, was automatisch den Winkel etwas schwieriger macht, als wenn der Lauf durch die Halbspur startet. Wo, wenn sie den Ball bekommen, am Ende eine bessere Abschlussposition haben, als wenn sie von Außen kommen.

Die häufigsten Startpositionen aus dem 4–3–3

Natürlich ist das Ganze am Ende immernoch sehr dynamisch und Läufe durch das Zentrum können genauso im 4–3–3, wie von Außen im 3–4–3 entstehen. Meiner Ansicht nach macht man es den Spielern aus der Struktur heraus aber einfacher im 3–4–3.

Startposition im 3–4–3

Am Ende wäre ein 4–3–3 mit Adeyemi und Malen schon irgendwie umsetzbar, da es immer eine Frage der Interpretation und Struktur ist. Auf der anderen Seite wäre die gewünschte Struktur mit Ball eben die eines 3–4–3s, welche den Beiden entgegen kommt. Wie zuvor angesprochen kommt diese Strukur den beiden Innenverteidigern Schlotterbeck und Süle nur zu Gute, kaschiert aber gleichzeitig auch die Schwächen und Probleme des Kaders.

Aber sollten Adeyemi und Malen wirklich zusammen spielen hinter Haller? Ich denke nicht.

Die Verbindungsspieler

Im Angriffstrio aus Haller, Adeyemi und Malen fehlt mir ein stückweit die Kreativität. Hier aber vor allem ein Spieler, welcher den Ball aus dem Mittelfeld erstmal in das letzte Drittel bringen kann. Geschweige den Unterschied auf engem Raum im Dribbling oder Passspiel hinter die Kette im Skillset hat.

Natürlich können Dahoud und Bellingham dies auch, allerdings werden diese eher darauf bedacht sein den Ball in das letzte Drittel zu bringen und dann auch eine gewisse Balance für die Absicherung zu behalten. Und dazu fehlen in meiner Auflistung noch zwei bis drei richtig wichtige Spieler. Die Rede ist von Giovanni Reyna, Jamie Bynoe-Gittens und allen voran: Marco Reus.

Alle drei Spieler bringen für diese Halbraumrolle die perfekten Attribute mit. Sie können sich Bälle abholen, nach vorne treiben, den finalen Ball spielen, aber auch mal in Abschlusssituationen auftauchen. Gerade Gio Reyna wäre prädestiniert für diese Rolle. Bynoe-Gittens könnte hier noch mehr Unterschiedsfaktor im Dribbling setzen und spielt mMn einen richtig guten letzten Pass (siehe Pre-Assist beim Spiel gegen Bochum). Und Marco Reus? Diesem fehlt zwar mittlerweile deutlich Dynamik, doch er bleibt hervorragend im Anlaufen, antizipieren, kombinieren und im Passspiel. Seine Tempodefizite könnten hier aufgefangen werden, da er von Außen von einem schnellen Wingback unterstützt wird und er in der Struktur auf der 10/ 9 1/2 wenig den Ball über längere Strecken nach vorne tragen muss. Dies müsste er in einem 4–3–3.

Das Grundgerüst im 3–4–3

Hier könnte selbst ein Bellingham noch etwas höher schieben, obwohl er etatmäßig in einer Doppel-6 spielt und würde besser abgesichert werden — dank der Dreierkette. Das kommt nochmal oben drauf. Alle Spieler sind in der obigen Struktur in ihren idealen Zonen, wo auch die gewünschte Spielphilosophie bestens umgesetzt werden kann.

Die unbesetzten Positionen

Auf der zentralen Innenverteidiger-Position braucht es bestenfalls einen Spieler mit starker Kommunikation, einem recht beidfüßigen Aufbau und intelligenter Antizipation. Im Idealfall ist der Spieler darüber hinaus noch äußerst kopfballstark und ist ebenso mental stabil. Fehler kann er sich hier nicht erlauben in dieser Rolle. Oder kurz: Mats Hummels.

Ich denke er könnte seine Schwächen (Tempo, rücksichtsloses nach vorne Herausrücken) mit Abstand am Besten kaschiert bekommen. Zudem wird es auch sehr schwer in diesem Transferfenster eine bessere Lösung zu finden, bzw. finanzieren. Komplett zufrieden wäre ich mit der Besetzung nicht, aber das ist am Ende immernoch Meckern auf hohem Niveau.

Und jetzt kommen wir zu den Außenverteidigern.

Wie bereits besprochen braucht es hier Spieler mit Tempo (gerade auf Rechts), aber dennoch mit gewissem Passspiel und Kombinationsfähigkeit. Ich denke, dass ein Thomas Meunier mit seinem starken Freilaufverhalten, Passspiel in die Tiefe und Flankentechnik hier überzeugen könnte. Seine Arbeitsrate ist darüber hinaus ebenso gut, auch wenn nicht Elite. Dazu kommt seine Fehleranfälligkeit und Inkonstanz. Im Idealfall holt man hier noch einen weiteren Spieler. Und es gibt sogar einen (halbwegs) realistischen Kandidaten: Ridle Baku.

Viele werden sich denken: “Was, der? One-Season-Wonder!”.

Das sehe ich nicht so. Zumal Baku für eine recht moderate Summe verfügbar wäre. Lt. Medien darf er für ca. €20M den Verein verlassen und würde perfekt in die Transferphilosophie (Deutsche Nationalspieler, die bereit für den nächsten Schritt sind) passen. Zudem er als Wingback seine Kombinationsfähigkeit, starken Laufwege und Passspiel perfekt auf den Platz bringen könnte. Seine Schwächen im Defensivsspiel wären ebenso kaschiert. Leichte Fragezeichen habe ich nur bei seiner emotionalen Stabilität, da er auf mich hier oft ziemlich pessimistisch und leicht beeinflussbar wirkt. Rein spielerisch wäre er der perfekte Fit, ist verfügbar und würde die Mannschaft in der Spitze verstärken.

Als günstige Alternative sehe ich vor allem Fabien Centonze, der für lachhafte €3M verfügbar sein soll und wirklich alles mit bringt. Gerade wenn Meunier bleibt, wäre er ideal, da man so einen (kostengünstigen) Konkurrenzkampf eröffnen könnte. Malo Gusto wäre ebenso ein toller Fit, aber kostenintensiv.

Und auf Links?

Eigentlich so einfach, irgendwo aber auch so schwer. Bekanntlich sehe ich David Raum als idealen Fit, auf der anderen Seite gefällt mir eine kleine Sache in diesem Set-Up dann nicht: Um Raum in Szene zu setzen und 100% aus ihm rauszuholen, muss der linke 10ner bestenfalls etwas hängender, mit weniger Tiefgang, sein um den Raum (hihi) auf Links noch besser zu öffnen. Bei Hoffenheim waren es hier Kramaric oder Baumgartner, beim BVB idealerweise Reus oder Reyna. Diese sollten in dem Set-Up aber eher über Rechts kommen, da Adeyemi und Malen in der linken Halbspur ihren idealen Raum haben. Die Beiden agieren wiederum nicht so hängend und weichen gerne auch mal auf den Flügel aus. Das ist nicht der Idealfit um 100% rauszuholen..

Da wird aber von einer Dreierkette sprechen, ist hier trotzdem meist genug Platz da und ein Reus/Reyna können auch im Spiel mal die Seiten mit Adeyemi/Malen wechseln. Es wäre somit nicht problematisch, auch wenn es vom Vorteil wäre, wenn ein Adeyemi und Malen sich zur Perfektionierung des System im Spiel zwischen den Linien etwas steigern würden.

Alternativen? Ein Borna Sosa könnte auch aus etwas tiefern Positionen einen sehr hohen Impact erzeugen, steht allerdings nicht wirklich für die absolute Arbeitsrate und Intensität. Ein Guerreiro könnte hier deutlich besser funktionieren als in allen anderen System, welche man für kommende Saison erwartet hätte, nur würde das die Spielanlage wieder etwas ändern. Dann müssten ein Adeyemi und Malen öfter ausweichen als eig. geplant und das in die Mitte ziehen wäre für Guerreiro nicht so einfach, wie in einem 4–3–3. Am Ende würde er es gut ausfüllen, aber wäre keine Idealösung. Wer mir hier aber sehr gefallen würde wäre Tom Rothe. Sein tiefes Passspiel könnte er von Außen, aus etwas tiefern Positionen, für Bälle hinter die Kette nutzen, wäre defensiv abgesichert und ist dennoch geradliniger als Guerreiro. Nur fehlt Rothe dafür noch etwas Qualität als erste Option, in der Rotation wäre das aber spannend.

Am Ende würden Raum und Sosa sehr gut (zu 90%) und Raphael Guerreiro zu 80% passen. Nimmt man an dass Raum zu teuer ist, dann fehlt mir noch etwas Fantasie, wer kommende Saison die erste Option auf Links ist.

“Aber bei der Dreierkette fehlt uns ein Offensiver!”

Dreierketten können offensiver als Viererketten sein, Viererketten offensiver als Dreierketten. Es kommt immer auf die Interpretation und Spielstil an. Ja, rein nominell spielt man mit fünf “Verteidigern” wenn man die Außenverteidiger mit rechnet. Ein Baku oder Raum sind bspw. für mich keine klassischen “Verteidiger”. Auf den defensiven Halbpositonen könnten Schlotterbeck und Süle ebenso mehr Druck nach vorne erzeugen. Da dank der Staffelung einer der Beiden auch bei Angriffen mit vorrücken kann, könnten Strukturen manchmal nahezu 1:1 so viel Offensivkraft erzeugen wie eine Viererkette.

Offensivstrukur aus einer Dreierkette heraus: Der rechte HV schiebt an

Hier schiebt der rechte HV an, der linke Außenverteidiger kann dank der Staffelung höher schieben und einfacher offensiver eingebunden werden.

Der RV schiebt an, es wird etatmäßig aus einer Viererkette gespielt

Um keine Harakiri-Konterabsicherung, gerade mit dem im Kader fehlenden starken Holding-Midfielder, abzubilden müsste der ballferne AV (Raum) tendenziell etwas einrücken. Dies würde dessen Offensivdrang einschränken. Ein Adeyemi/Malen halten hier die relative Breite anfangs und würden es schwieriger haben hinter die Kette zu kommen. Und selbst wenn ein Raum dann aufrückt, Adeyemi/Malen nicht mehr zwingend die Breite halten müssen, wäre ein Bellingham ein stückweit eingeschränkt und die Absicherung wäre wie unter Rose: Falsche Typen und risikoreiche Staffelung.

Man wäre einen Ballverlust und Seitenwechsel davon entfernt in das offene Messer zu laufen. Dazu könnte ein Baku, oder welcher RV auch immer, deutlich weniger Offensivdrang ausleben. Und sei es Baku oder Meunier: Beide haben Defensivschwächen. Und um das Argument “Viererkette gibt uns mehr Offensivkraft” geltent zu machen, braucht es einen offensiven RV. Ansonsten hätten wir wieder eine Art Dreierkette.

Somit ist dieses Argument für mich nicht ausreichend. Möchte man mit zwei offensiven AV gehen und Adeyemi/Malen einrücken, müssten die Mittelfelspieler an Offensivkraft einbußen. Also idR deutlich kreativere Spieler als die AV. Die schlechtere Absicherung würde ebenso bleiben.

4–3–3 mit offensiven Außenverteidigern in der Struktur Offensiv

Dazu kommen halt auch die vorher ausführlich beschrieben Sachen wie dass der Rest des Konstrukts irgendwo etwas leidet. Schlotterbeck hier im Nach-Vorne-Verteidigen, Süle im Andribbeln, der 6er im Defensivsspiel usw.

Bevor jetzt etwas falsch verstanden wird: Eine gute Restverteidigung und Offensivstruktur ist natürlich auch mit einer Viererkette möglich. Aber: Diese würde die Schlüsselspieler in ihren Stärken ein Stückweit berauben und Defensiv in Situationen bringen, wo sie keine Spezialisten sind. Man bräuchte also anderes Personal, auch in der Achse, um eine Viererkette zu spielen.

Während diese Einbußen bei Viererkette evtl. an der ein oder anderen Stelle noch vertretbar wären und nominell mehr “Offensivkraft” bringt, bleibt die Offensivstruktur dann aber das Kontraargument für mich. In der Raute sehe ich den optimalen Fit für Haller und teilweise Reus nicht. Ein enges 4–4–2 würde Bellingham etwas einschränken. Und bei allen anderen Formationen müssten Adeyemi und Malen mehr die Breite halten, was diese wiederum total einschränkt und uns dann die falschen Spieler kaufen lassen hat.

Die Dreierkette überwiegt in den Vorteilen und kann die vermeintlich so wichtigen Pros der Viererkette können ein stückweit entkräftigt werden.

Fazit

Die Dreierkette holt aus dem Kader und den Schlüsselspielern das Beste raus. Gerade die Offensive und Defensive würde davon enorm profitieren. Kein Einzelspieler, bis auf ggf. Gittens, profitiert mehr von einer Vierer- als Dreierkette. Profitieren die Einzelspieler, ist auch das Kollektiv stark.

Die Kaderachse steht, doch es würden noch zwei Idealfits für die Außenverteidigung fehlen. Und selbst wenn diese nicht kommen, würden alle vorhanden vier AV immer noch besser in einer Dreier- als Viererkette spielen.

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